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Joachim Poeschke: Mosaiken in Italien : Der Fürst der Finsternis passt endlich auf den Couchtisch

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Mosaiken waren bisher das Sperrgepäck der Kunstgeschichte: Weil sie nur schwer fotografiert werden können, blieben sie auf der Strecke. Ein herrlicher Bildband beseitigt den Missstand.

          Was Sie hier abgebildet sehen, ist nun einmal wirklich die Hölle: Ein grüner, gehörnter Unterweltfürst stopft sich einen Verdammten in den Rachen, während ihm von allen Seiten Nachschub angeliefert wird; Schlangen winden sich aus seinen eselsartigen Ohren und seinem Gesäß, überall wird gebissen und gezwickt, gehenkt, gemartert oder versengt. Und trotzdem, obwohl hier die armen Seelen vor Monstern und Ungetümen, die ihnen an den Kragen wollen, kaum auftreten können, trotzdem hat die Szene auch fast etwas Lustiges. Das mag an der karnevalesken Überfülle liegen, an den haustierhaft geduldigen Augen der Menschenfresserschlangen – aber vielleicht ist es auch ein Effekt der Herstellungsweise. Denn jedes hässliche Untier wurde Steinchen für Steinchen liebevoll gelegt, artig und geduldig wie im Puzzlespiel, über Jahre, Jahrzehnte und auf goldenem Grund.

          Der Mosaikkunst hat der Hirmer Verlag nun einen prächtigen Bildband gewidmet, ein Monumentalwerk voller Überraschungen und Entdeckungen. Abgedeckt wird der Zeitraum von 300 bis 1300, geographisch bleibt man in Italien. Damit sind die Jahrhunderte umspannt, in denen die Blütezeit der Mosaikkunst anbricht und andauert, bis die Wandmalerei die Glassteinchen ablöst. Eine Einschränkung hat man bei der Auswahl getroffen: Die von dem Münsteraner Kunsthistoriker Joachim Poeschke behandelten Werke sind ausschließlich solche Mosaiken, die an Wänden und Gewölben angebracht wurden. Wer also die prächtigen Bodenmosaiken mit Jagd- und Tierszenen der Villa Romana del Casale in der Nähe der sizilianischen Piazza Armerina kennt, wird sie hier vergeblich suchen. Den Leser entlohnen jedoch mehr als zweihundert Farbtafeln reichlich.

          Das Projekt, die Mosaikkunst auch dem „interessierten Laien“, wie es in der Einleitung heißt, zugänglich zu machen, kann dabei gar nicht genug gelobt werden. Mosaiken waren bisher so etwas wie das Sperrgepäck der Kunstgeschichte: Unhandliche Überformate, die zu schwer, zu groß, zu unbeweglich waren, um wirklich auf das Förderband der Forschung zu passen. In dieser Hinsicht gleichen einander Kunsthistoriker und Fluggesellschaften; was ein gewisses Format übersteigt, läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.

          Für die Kameralinse zu breit

          Kunstgeschichte wird, das wissen wir spätestens seit André Malrauxs Buch „Das imaginäre Museum“ von 1952, in Kunstbüchern geschrieben. Um in sie Eingang zu finden, muss ein Werk also gut fotografierbar sein, und eben daran scheitert die Mosaikkunst. Für die Kameralinse sind die Werke zu breit, die Beleuchtung ist unregelmäßig, sie befinden sich in schwer erreichbaren Höhen. „Mit nicht geringem Aufwand“, schreibt Poeschke im Vorwort, „mussten daher, insbesondere in Palermo und Monreale, Neuaufnahmen angefertigt werden.“

          Nun passen die mit winzigen Quadraten gelegten Riesen aus Rom und Ravenna, Neapel und Mailand auf einen ganz normalen Couchtisch in Frankfurt, Leipzig, Stuttgart oder Kiel. Der abgebildete Fürst der Finsternis wurde beispielsweise vom nordwestlichen Gewölbeabschnitt des Florentiner Baptisteriums San Giovanni heruntergeholt; er ist Teil einer ausladenden Bildausstattung, die zwischen 1240 und 1300 geschaffen wurde.

          Es blitzt, sobald sich der Held verliebt

          Aus der Cappella Palatina in Palermo können wir die herrlichen Vögel und Fische bewundern, die zwischen 1140 und 1170 die Schöpfungsgeschichte vor Augen stellten, und das in einer Detailgenauigkeit, dass über den blauschimmernden Fischleibern die Wellen zusammenzuschlagen scheinen. Überhaupt scheint den Künstlern die Tatsache, dass sie mit kleinen Steinchen hantierten und den Effekt der Fernwirkung dabei kalkulieren mussten, kein Hindernis gewesen zu sein. Einen absoluten Höhepunkt dieser Technik bildet das Apsismosaik der römischen Kirche, die den Ärtzeheiligen Cosmas und Damian geweiht war. Innerhalb von vier Jahren, zwischen 526 und 530, wurde an der Stirnwand ein illusionistisches Wandbild gefertigt, dessen Motive aufgrund ihrer Schönheit immer wieder kopiert wurden.

          Ungewöhnlich ist vor allem die Himmelslandschaft: In ein goldenes Gewand gekleidet, steht Jesus auf einer Wolkenbahn, die sich, aus der Tiefe kommend, nach vorne hin verbreitert. In gleichem Maße verfärben sich die Wolken, von einem hellen Blau hin in ein flammendes Rot. Angezeigt wird damit nicht nur die Morgenfrühe als die Stunde, in der Christus wiedererscheinen wird, sondern auch ein Motiv, das wir später in säkularisierter Form in der romantischen Literatur antreffen. Die Vorstellung nämlich, dass große Ereignisse auch große Naturphänomene nach sich ziehen. „Pathetic fallacy“ nannte der Kritiker John Ruskin, wenn es blitzte, sobald sich ein Held verliebte. Eine Frühform davon sehen wir in diesem wunderbaren Mosaik.

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