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Joachim Fests Essays : Nicht das Bestehende verändern, sondern das Verkehrte

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An diesem Samstag wäre Joachim Fest einundachtzig Jahre alt geworden. In seinen Essays zu Politik und Geschichte zeigt sich, wie er substantielle Beobachtungen mit einer lebhaften Beziehung zum Publikum verband.

          Etwas geringschätzig pflegt man auf die sogenannten tagespolitischen Ereignisse herabzusehen, als auf das Flüchtige, das heute so und morgen anders ist. Umso größer ist die Überraschung, ja ein gewisser Taumel stellt sich ein, wenn ein Rückblick aufs Kurzfristige plötzlich offenbart, daß es es sich dabei in Wahrheit um Phänomene der „langen Dauer“ handelt, dass Erscheinungen, die von den Zeitgenossen für vorübergehend gehalten wurden, sich in unserer Erfahrung eingenistet haben und dass das, was vor dreißig Jahren über sie gesagt wurde, so gut wie unverändert auch heute noch gilt.

          In Joachim Fests Essays zu Politik und Geschichte, die jetzt unter dem Titel „Nach dem Scheitern der Utopien“ von neuem erscheinen, kann man diese Erfahrung gleich mehrfach machen. Ja, wird man sagen, der Mann hat eben weit geblickt, so dass er durch die Schärfe seines Blicks auf seine Gegenwart unsere gleich mit erfasste. Doch es geht nicht um Prognosen, sondern um Beobachtungen. In einem kurzen Stück mit dem Titel „Manie der Reformen“, erschienen am 20. Mai 1975 in dieser Zeitung, wird die Bundesrepublik als ein Land im Umbau geschildert, erfasst von Veränderungen, denen nichts standhält, was sonst für tragend gehalten wurde: Schichten, Strukturen, Machtpositionen. Die Republik, die unter der Devise „Keine Experimente“ herangewachsen war, konnte dem Reformdruck, der sich überall und ohne Unterschied bemerkbar machte, nicht mehr standhalten. „Der Begriff ,Reform'“, heißt es gegen Schluss des Leitartikels, „ist unterdessen dabei, zum Schreckwort zu werden.“

          Leben mit der Veränderungswut

          Als diese Besorgnis formuliert wurde, steckte das Potential des Reformierens, wie wir mittlerweile wissen, erst in den ersten Anfängen. Unabhängig von politischen Richtungen wurde seither ein immer neues Reformpensum durchgepeitscht, und die Sorge, die Joachim Fest damals umtrieb, welche Folgen dies für die tragenden Schichten und insgesamt für die Festigkeit der Republik haben werde, ist immer noch nicht erwogen worden. Man hat gelernt, mit der Veränderungswut zu leben. Irrig war die Erwartung des Autors, es werde bald eine Partei mit der Devise „Keine Reformen!“ auftreten, und ohne Echo blieb auch sein Einwurf: „Denn nicht das Bestehende muss verändert werden, sondern das Verkehrte.“ Die „Manie der Reformen“, die er erschreckt beobachtete, hat diesen Gedanken fortgespült.

          Dass eine Beobachtung zum Tage ein Langzeitphänomen sichtbar macht, darf man dem Beobachter gutschreiben, dem es gelingt, im Besonderen ein Allgemeines freizulegen. Die Fähigkeit von Joachim Fest, die Phänomene rasch durchsichtig zu machen, erweist sich auf fast artistische Weise in den kurzen Stücken, die der Band in seinem ersten Teil „Leitartikel und Kommentare“ sammelt. Ein anderer Topos der alten Bundesrepublik, der Fest ins Auge stach, war „Die Schuld der Gesellschaft“. Auch er hat sich über die Jahre unangreifbar und letztinstanzlich behauptet: Statt die „Wahrheit“ des Staates zu sein, wie es der Gesellschaft ins Stammbuch geschrieben war, wurde sie jetzt, so Fest, dessen Unwahrheit, man gewöhnte sich an, sich mit der Gesellschaft herauszureden. Die Gesellschaft sei „zur persönlichen Rechtfertigungsideologie von Unterlegenen, die es bleiben wollen“ geworden. Auch in diesem Fall sind die Dinge weitgehend so geblieben,

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