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Jia Tolentinos „Trick Mirror“ : Wenn die Arbeit am Körper zum Kunstprojekt wird

Jia Tolentino im Juli 2017 auf einer Bühne in New York Bild: Picture-Alliance

Die Erscheinung muss veredelt werden: Jia Tolentino erörtert in pointierten Essays, wie sich Millennials online und analog in Szene setzen.

          4 Min.

          Ihren Instagram-Account staffiert die Autorin Jia Tolentino am liebsten mit vermeintlich intimen Einblicken in ihr Familienleben aus, wofür sie zuverlässig Tausende von Herzchen einheimst. Mal lichtet sie ihre wenige Monate alte Tochter in einem kuscheligen Teddy-Anzug ab, mal zeigt sie, wie der Vater den Familienzuwachs küsst. Selbstverständlich bekommt auch der Hund einen Platz im Selbstvermarktungskosmos der von der „Washington Post“ als „Susan Sontag der Millennials“ gefeierten Autorin, deren Essayband „Trick Mirror. Über das inszenierte Ich“ es sofort nach Erscheinen auf die „New York Times“-Bestsellerliste schaffte.

          Melanie Mühl
          (mmü.), Feuilleton

          Was nach Schnappschüssen aussieht und Authentizität suggerieren soll, ist bis ins Detail kuratiert. Performance auf höchstem Niveau. Nur: Wie passt diese mediale Inszenierung, die bares Geld bringt, zu Jia Tolentinos nun auch hierzulande erschienenem Buch, in dem sie dem Internet geradezu monsterhafte Züge bescheinigt? Es handle sich um eine Erfindung, die in die Gehirne seiner Nutzer eindringt, sie neu verdrahtet und „in einen Zustand primitiver Überwahrnehmung und Ablenkung zurückversetzt“. Ein toxisches Instrument, das die schlechtesten Seiten und Optimierungsbestrebungen in uns hervorbringt. „Nun bin ich dreißig, und ein Großteil meines Lebens lässt sich nicht mehr trennen vom Internet und seinem Wirrwarr unablässigen erzwungenen Verbundenseins – dieser fieberhaften elektronischen, unerträglichen Hölle.“

          Jia Tolentino, Jahrgang 1988, „verhökert“ ihre Persönlichkeit trotzdem weiter im Netz, denn sie weiß, wie man aus diesem vermeintlichen Widerspruch Kapital schlägt: indem man ihn selbst und die eigene Verwirrung zum Thema macht. Die (Selbst-)Täuschung, der Trickspiegel, dessen zurückgeworfenes Bild stets etwas Schimärenhaftes hat, zieht sich leitmotivisch durch die Essaysammlung, in der es gleich zu Beginn leicht vernebelnd heißt: „Das Schreiben bringt mich entweder dazu, meine Selbsttäuschungen abzuschütteln oder sie weiterzuentwickeln.“

          Zwei Wege in die Welt von Rausch und Vergebung

          Dass Jia Tolentino, Tochter streng religiöser philippinischer Einwanderer, mit sechzehn Jahren, einem Alter also, in dem andere mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben, für eine Reality-TV-Show namens „Girls v. Boys“ in Puerto Rico vor der Kamera stand – das Kapitel dazu heißt „Mein Reality-TV-Ich“ –, scheint der logische Startschuss einer Karriere im Scheinwerferlicht sozialer Medien zu sein. „Der Anpassungsprozess meines äußeren Ichs verlief so instinktiv, so automatisch, dass ich ihn nicht mehr bewusst wahrnehmen konnte. Das Reality-Fernsehen machte mich frei von der Selbstwahrnehmung und band mich zugleich an sie, indem es die Selbstwahrnehmung untrennbar mit allem anderen vereinte“, schreibt Tolentino, die inzwischen feste Autorin beim „New Yorker“ ist. Diese Erfahrung bezeichnet sie als eine nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets.

          Ihre Essays über diese Fänge tragen Titel wie „Die Geschichte einer Generation in sieben Betrugsmaschen“, „Pure Heldinnen“, „Der Kult um die schwierige Frau“ und „Ekstase“, ein Text, in dem Tolentino aus ihrer Jugend in einer Megakirche im texanischen Houston erzählt und zu dem Schluss kommt, dass Religion und Ecstasy zwei Wege sind, die in die übermenschliche Welt des Rausches und der Vergebung führen. Die Kirche erschien ihr dabei nie viel tugendhafter als Drogen, und Drogen wiederum erschienen ihr nie viel sündhafter als die Kirche.

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