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Jesper Juul: Schulinfarkt : Müssen Lehrer lernen, sich beim Schüler zu bedanken?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Stimmung statt gediegene Einsichten: Jesper Juul konstatiert alarmistisch den Schulinfarkt und hält sich mit Begründungen für seine modische Diagnose gar nicht länger auf.

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          Dem Autor wird werbend nachgesagt, er sei eine „Lichtgestalt der modernen Pädagogik“ (“Spiegel“) und „Europas gefragtester Pädagoge der Gelassenheit“ (“Die Zeit“). Nun reiht er sich in den Chor der gegenwärtigen Schulkritiker mit dem Alarm vom „Schulinfarkt“ ein - und erhebt Bestselleransprüche. Jesper Juul, bekannt geworden als Erziehungsratgeber, postuliert mit seinem Buch eine Diagnose der Zustände in der deutschen Schule und einen bereits eingetretenen Zusammenbruch. Diese Behauptung reichert er mit nur wenigen Hinweisen an, als ob er sich mit ihr im breiten Konsens mit seinen Lesern befände.

          Was man weiß, muss man nicht genauer aussprechen: „ABC-Schützen haben glänzende Augen“, bald aber „macht Schule alle krank“, vor allem wegen des „Bildungsdrucks“ und der damit zerstörten Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern.

          Die Kritik versinkt  in  einer geheilten beziehungswarmen, positiv verstärkenden Schule

          Erst wo diese als „Beziehungskompetenz“ erneut die Oberhand gewinnt, kann eine Wende zum Guten erfolgen. Erst dann wird die „innere Stimme“ der Beteiligten nicht mehr „getötet“, wird aus der „Defizitorientierung eine ermutigende Selbststärkung aller Beteiligten“, wird aus der „Beschämung von Schülern“ deren Ermutigung. Schule ist nur zu retten, wenn die Bedürfnisse der in ihr Tätigen erfüllt werden, wenn aus der „Bildungspflicht ein Bildungsrecht“ geworden ist, wenn „Querdenker den Befehlsempfänger“ ersetzen.

          Juul bedient das Bild einer Schulkritik, die ein weit verbreitetes Unbehagen spiegelt. Statt es zu analysieren und der Klärung seiner Geltung auszusetzen, wird die Kritik in die Vorstellung von einer geheilten beziehungswarmen, positiv verstärkenden Schule aufgelöst. Juul muss mit seiner gestalttherapeutischen Ausrichtung wohl so kritisieren und Rettung versprechen, aber die Frage bleibt, ob er damit den Gegenstand trifft, dem er den Infarkt bescheinigt.

          Drängende Fragen bleiben unbeantwortet

          Der Autor bezieht sich legitimatorisch und apodiktisch gerne auf „Studien“ und Großautoritäten wie „die Ergebnisse der Hirnforschung“, die als solche nicht benannt oder diskutiert werden müssen. Praktisch setzt er auf den archimedischen Punkt einer „Beziehungsqualität“, die er nicht auf die Probleme der Erziehung und der Bildung im Unterricht spezifiziert, sondern so fasst, dass mit ihr allgemeine, wohlklingende menschliche Haltungen wie Ermutigung und Vertrauen ausgesprochen werden. Das Buch ignoriert souverän Forschungen über die deutsche Schule, mit denen der Realitätsgehalt der aufgestellten Behauptungen geprüft und gegebenenfalls belegt werden könnte.

          Inwiefern also Schüler heute „Bildungsdruck“ als Nötigung sich zu bilden erfahren, ob dieser überhaupt als solcher (oder auch nur als „Bulimielernen“) begriffen werden kann und er nicht real als beliebiges Pensum und als Methodenkompetenz erscheint, muss für Juul nicht geklärt werden. Weil man heute so redet, werden die Figuren der Kritik von Juul wie ein Echo weitergereicht. Eine „Defizitorientierung als Beschämung“ findet in der Schule weiterhin statt.

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