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Jesper Juul: Pubertät : Bloß keine pädagogische Torschlusspanik!

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Bild: Verlag

Wenn unsere Töchter und Söhne erst einmal zwölf Jahre alt sind, ist Erziehung nicht mehr möglich: Die Bücher von Jesper Juul und Willem Heuves helfen Eltern, durch die Pubertät ihrer Kinder zu kommen.

          Wenn das Hormongewitter der Pubertät auf die Kinder niedergeht und ganze Familien in Aufruhr versetzt, versuchen viele Eltern, quasi in erzieherischer Torschlusspanik, noch schnell das nachzuarbeiten, was sie versäumt zu haben glauben. Plötzlich verlangen sie Gehorsam, Pünktlichkeit und Tischmanieren, wollen die Hausaufgaben kontrollieren, mischen sich ungebeten in Kleidungsfragen ein. Meistens funktioniert das nicht. Eltern sind verzweifelt, wenn die Schulnoten schlechter werden und der Umgangston ruppiger wird, die Kinder sich zurückziehen und ihnen emotional zu entgleiten drohen. Kinder sind verstimmt, wenn die Kritik an ihnen anschwillt und dauernd jemand etwas von ihnen will - zumal sie gerade selbst nicht so genau wissen, was eigentlich mit ihnen los ist. Kurzum: Eltern mühen sich vergeblich, einen verbindlichen Rahmen zu setzen, während die Jugendlichen fortwährend am liebsten diesen Rahmen sprengen würden.

          Der dänische Familientherapeut und Autor Jesper Juul, dessen Ratgeber zu Erziehungsfragen auch in Deutschland dankbare Reaktionen hervorrufen, hat jetzt ein Buch über die stürmischen Jahre zwischen zwölf und 16 verfasst. Darin rät er den Eltern vor allem zu einem: Gelassenheit. „Die Pubertät ist eine Tatsache, keine Krankheit“, ruft er ihnen zu. Die Jugendlichen täten nur, was sie eben tun müssten: wachsen. Juul, das merkt man schnell, ist ein großer Advokat des Kindes. Von Disziplinierungs-Aposteln wie dem früheren Schulleiter des Internats in Salem, Bernhard Bueb, und dem Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff ist der Autor weit entfernt. Den gestressten Eltern schlägt er vor, sich zu entspannen und ihre Kinder zu genießen: Wer hätte vor zwölf, 13 oder 14 Jahren gedacht, dass sie heute so dermaßen selbständig vor uns stehen würden?

          Sie müssen ihren eigenen Weg finden

          Juul, dessen Beratungsinstitut „Familylab“ auch einen deutschen Ableger hat, will Eltern in Krisenzeiten den Blick öffnen auf das Wertvolle ihrer Kinder. Er plädiert dafür, prätentiöse Ziele über Bord zu werfen und die Heranwachsenden ihren eigenen Weg finden zu lassen. Aber genau das fällt so schwer: In einem Land, dessen wichtigste Ressource die Bildung ist, gilt ein guter Schulabschluss gerade in der bürgerlichen Mitte nun mal als Voraussetzung für einen gelungenen Start ins Erwachsenenleben. Juul dreht den Spieß um, indem er nicht von den Jugendlichen, sondern von ihren Eltern Umdenken verlangt: „Wenn Kinder erst mal zwölf sind, ist Erziehung nicht mehr möglich; jetzt kommt es auf die Beziehung an, die bis dahin entstanden ist.“ Es gehe nun darum, dass Eltern Heranwachsende nicht von oben herab maßregelten, sondern „gleichwürdig“ mit ihnen umgingen: also beispielsweise nicht einfach ins Zimmer platzen, sondern sich eine Art Einladung verschaffen, bevor sie ein Gespräch beginnen. Als Erwachsener müsse man sich gegenüber einem Jugendlichen seinen „Respekt erst verdienen“, mahnt er; Autorität ergebe sich nicht allein aufgrund des Wissens- und Altersgefälles.

          Die größten Sorgen bereitet den zehn Familien, deren Beratung durch den Autor während eines „Familylab“-Seminars im zweiten Teil des Buches dokumentiert ist, mangelnder schulischer Fleiß - mit einigem Abstand gefolgt von Bequemlichkeit bei der Erledigung häuslicher Arbeiten und zu viel Streit untereinander. Juul bedauert, dass in Deutschland Schulprobleme die Familien viel stärker belasteten als in anderen Ländern. Das liegt zum einen an der Halbtagsschule, die einen großen Teil des Lernens nach Hause verlagert und die Eltern als Nachhilfelehrer einspannt. Zum anderen aber daran, meint Juul, dass die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern hier weniger motivierend und unterstützend seien als anderswo. Wenn aber die Schule schon Druck aufbaue, ohne Hilfe anzubieten, müssten wenigstens die Eltern bedingungslos zu ihrem Kind stehen, fordert er: Denn Kinder sind auf das Ja ihrer Eltern zu ihrer ganzen Existenz angewiesen, nicht auf ihr Nein. Eltern sollten ihre Kinder begleiten und zur Verfügung stehen - aber nicht sie manipulieren oder verändern wollen. Denn das funktioniere mit einem Kind so wenig wie mit einem Partner.

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