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Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation : Mir ist so ganz empathisch wohl

Bild: Verlag

Gefühl, Gefühl vor allen Dingen! Jeremy Rifkin weiß, wie die Menschheit allen drohenden Katastrophen entkommen kann, und treibt eine neue Theorie durchs globale Dorf.

          Seid nett zueinander - das ist doch mal ein Wort. Aber das ist noch kein Buch. Doch weil Jeremy Rifkin von wenig Dingen so viel versteht wie davon, aus wenig These dicke Bücher zusammenzustellen, ist es ihm auch hier wieder geglückt, und wir haben das Privileg, nur wenige Tage nach den Amerikanern schon in den Genuss des schleunigst übersetzten Textes zu kommen. Denn es kann ja nur nutzen, wenn auf der ganzen Welt alle nett zueinander sind. Das ist sogar Rifkins Hauptargument.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Einverstanden. Und das wäre es dann. Worüber man nicht streiten kann, darüber muss man schweigen. Denn es klingt nicht so, als ginge Rifkins Kernbehauptung über die goldene Regel, den kategorischen Imperativ oder die Bergpredigt hinaus. Aber Einspruch von Rifkin: So wichtig alle diese Vordenker seiner zentralen Aussage auch seien, ist die Menschheit doch erst mit dem Erscheinen des Wortes "Empathie" auf den richtigen Weg gebracht. So wird von Rifkin mehrmals bemängelt, dass Autoren, die vor dem zwanzigsten Jahrhundert über Mitgefühl nachgedacht haben, gar nicht den passenden Terminus dazu hatten. Bei ihm ist das anders. Rifkin verfügt über das Konzept einer "empathischen Zivilisation", wie der Titel seines neuen Buches lautet, und natürlich ist Empathie mehr als Moral und Ethik: "Empathisches Handeln erweitert den Geltungsbereich der Moral." Wie, das behält Rifkin für sich. "Empathie ist etwas, was wir gleichzeitig spüren und mit dem Verstand erfassen können." Wie jedes Gefühl, wenn wir ein Wort dafür haben. Und: "Es ist eine Quantenerfahrung." Wir sind ja den Missbrauch des Quantums als Superlativ gewohnt, aber hätte Rifkin es nicht doch noch ein bisschen kleiner?

          Schreiben im Konjunktiv III

          Die "Quantenerfahrung" soll darin liegen, dass wir uns in die Gefühle anderer Wesen hineindenken können. Und zwar nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren. Es ist überhaupt der inspirierendste Teil von Rifkins Buch, wenn er seine auf Menschen gemünzten Forderungen auch auf tierisches oder gar pflanzliches Leben überträgt. Dabei mag ihn selbst das Tierschutzengagement seiner Frau Carol Grunewald angeregt haben, auch wenn er sich der Sache gar nicht so sicher ist: "Sollte es tatsächlich möglich sein, dass ehedem tabuisierte empathische Bande zwischen Mensch und Tier innerhalb weniger Jahrzehnte das menschliche Bewusstsein maßgeblich verändern?

          Dieser Gedanke wäre vor nur wenigen Jahren mit Gelächter aufgenommen oder als Spinnerei abgetan worden. Die Skeptiker sind zwar immer noch in der Überzahl, und ich selbst weiß nicht, zu welchem Lager ich gehöre, aber neue Entwicklungen im Internet legen nahe, dass ein Paradigmenwechsel vorstellbar ist und es keine Generation mehr dauern könnte, bis die Wende zum biosphärischen Bewusstsein erreicht ist." Man möchte angesichts all der "ich weiß nicht", "könnte", "legen nahe", "vorstellbar" oder "sollte es tatsächlich möglich sein" von einem Irrealis höherer Ordnung, von einem Konjunktiv III reden.

          Wo kein Sinn, da ein Begriff

          Rifkin schreibt sich die Gegenwart zurecht und die Zukunft des "biosphärischen Bewusstseins" (das nicht mehr meint als Ökologie) sowieso. Davor allerdings verwendet er die Hälfte seiner mehr als vierhundert Seiten für einen Schnelldurchlauf durch die intellektuelle Entwicklung unserer Spezies von der Urzeit ("Nach Ansicht von Archäologen war die Jungsteinzeit die friedlichste Epoche der Menschheitsgeschichte.") über die Römer (das beste Straßennetz bis zum amerikanischen Highway-Bauprojekt unter Eisenhower!) bis zu - nein, nicht den Nazis, die kommen mangels Empathie gar nicht erst vor, denn was nicht passt, ist unpassend - den dezentralisierten Kapitalisten (das sind wir Heutigen), die zwar kein Geld mehr verdienen wollen, aber dennoch weiter Kapitalisten heißen sollen, damit das amerikanische Publikum nicht erschrickt vor so viel Mitgefühl.

          Rifkin versteht es meisterhaft, Begriffe fortzuschreiben, auch wenn es keinen Sinnzusammenhang mehr gibt. Die "dritte industrielle Revolution" etwa soll vor allem die erneuerbare Energieerzeugung durchsetzen und dezentralisierte Versorgungskonzepte entwickeln. Aber wo bleibt da die Industrie? Rifkin redet doch allein über veränderte Distribution und Speicherung von Energie. Wir können uns also über ein neues Handels- oder Lagerungsmodell unterhalten, aber doch nicht etwas, das gar keine neuen Produkte oder Herstellungsverfahren beinhaltet, als industrielle Revolution bezeichnen.

          Apokalyptik und Trost

          Es ist gewiss nicht einfach, zehn Jahre nach "Access" und sechs nach "Der europäische Traum" noch einmal alles von vorne aufzurollen. Rifkin macht es dennoch, um dann am Schluss zielsicher die alten Thesen noch einmal hervorzuholen und in die Begrifflichkeit des neuen empathischen Modells zu übersetzen. Immerhin ist konsequent, dass er seine eigenen Modelle nicht ganz über Bord wirft. Aber ohne jede Berücksichtigung der ständig zunehmenden Debatten über Internet und Urheberschutz noch einmal das Prinzip des freien Zugangs als segensreichen Weg in die Gesellschaft der Zukunft zu preisen oder Europa als Heimat von Kindern, die unbeschwert von Armut aufwachsen können, das wirkt geradezu altbacken.

          Und das beruhigt. Deshalb wird das Buch seine Leser finden: Weil bei aller Apokalyptik, die in den Passagen zum Klimawandel zu finden sind, doch die tröstliche Botschaft bleibt, dass wir alles noch selbst in der Hand haben, wenn wir nur unser anthropologisch bedingtes Mitgefühl triumphieren lassen. Warum es so oft in der Menschheitsgeschichte unterdrückt werden konnte, erzählt Rifkin nicht. Bezeichnend, dass er denn auch keine Gegner ausmacht, sondern nur Vorläufer, von China bis Neandertal. Seid nett zueinander - das darf doch nicht das letzte Wort sein.

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