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Jeremy Rifkin: Die dritte industrielle Revolution : Ein Weg, der Hoffnung wecken kann

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Jeremy Rifkins neues Buch „Die dritte industrielle Revolution“ beschreibt eine konkrete Utopie: die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter. Dabei wird der Begriff der Lebensqualität frisch poliert.

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          In Deutschland war es der 2010 verstorbene Hermann Scheer, der in gescheiten Büchern hartnäckig darauf bestand, dass ein dezentrales System erneuerbarer Energien sich auf die gesamte Wirtschaft, auch auf die Gesellschaft und auf die Demokratie auswirken werde. Jeremy Rifkin, der sich - für einen Amerikaner - recht gut in Deutschland auskennt, weiß offenbar nichts von diesem unbeugsamen Abgeordneten, der mehr bewegt hat als mancher zuständige Minister. Er geht allerdings auch einige Schritte über Scheer hinaus und verwendet für das, was sich verändert und verändern muss - in Deutschland rascher als etwa in den Vereinigten Staaten -, den Begriff der „Dritten Industriellen Revolution“. Er findet, dass „das Zusammentreffen von Internettechnologie und erneuerbaren Energien zu einer Umstrukturierung der zwischenmenschlichen Beziehungen von vertikal zu lateral“ führen müsse. Beides zusammen, dezentrale Energieerzeugung und dezentrale Kommunikation, beenden das Ölzeitalter, das geprägt war von riesigen Konzernen, von mächtigen Lobbys, von Hierarchien, von Befehlsketten.

          Das Adjektiv „lateral“ ist in den meisten deutschen Wörterbüchern nicht zu finden. Aber es soll ja auch etwas Kommendes bezeichnen: eine Gesellschaft, in der die Menschen Seite an Seite leben, gleichberechtigt, auf gegenseitige Hilfe angewiesen, in ständigem Austausch. Dass Rifkin dabei zu sehr im Abstrakten bliebe, kann man ihm nicht vorwerfen. Für ihn soll die revolutionierte Gesellschaft auf fünf „Säulen“ stehen. Gemeint sind im Einzelnen: „der Umstieg auf erneuerbare Energien; die Umwandlung des Baubestands in Mikrokraftwerke, die die erneuerbaren Energien vor Ort erzeugen; der Einsatz von Wasserstoff- und anderen Energiespeichern in allen Gebäuden sowie an den Knotenpunkten dieser Infrastruktur zur Speicherung von unregelmäßiger Energie; die Nutzung der Internettechnologie, um das Stromnetz auf jedem Kontinent in ein Energy-Sharing-Netz (Intergrid) zu verwandeln; die Umstellung der Transportflotten auf Steckdosen- und Brennstoffzellenfahrzeuge, die Strom über ein intelligentes und interaktives kontinentales Stromnetz kaufen und verkaufen können“.

          Der Weg in eine lichtere Zukunft

          Rifkin ist überzeugt, dass, wer etwas Neues schaffen will, ein „Narrativ“ braucht. Er muss etwas zu erzählen haben. Rifkin führt sogar das Scheitern Obamas darauf zurück, dass er kein Narrativ gehabt habe, nur „eine Sammlung von Pilotprojekten und isolierten Programmen“. Aber was hätten wohl die Amerikaner zu den fünf Säulen der Dritten Industriellen Revolution gesagt, solange die Hälfte von ihnen die Erderwärmung für einen Trick hält, mit dem besonders raffinierte Linke die Märkte fesseln wollen? In Europa könnte Rifkin mehr Glück haben. Hier könnte sogar seine These ankommen, die Krisen unserer Tage hätten vor allem mit dem Ölpreis zu tun und seien Folge des Auslaufens, ja, des „Untergangs“ einer Zivilisation, die von den Ölreserven des Globus gelebt habe. Wenn das stimmt, dann ist die Energiewende in Deutschland nicht nur eine Aufgabe, die Milliarden verschlingen muss, sondern der Weg in eine lichtere Zukunft.

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