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Jens Rosteck: Édith Piaf : Bittere Träume, gesungen an den Dachrändern von Paris

  • -Aktualisiert am

Bild: Propyläen Verlag

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod kennt jeder noch die Sängerin Edith Piaf. Kennt? Sie bleibt ein Rätsel - trotz der akribischen Biographie des Musikwissenschaftlers Jens Rosteck.

          Diese Frau war ein Scheusal. Oder wie sonst soll man jemanden bezeichnen, der aus einer Laune das Leben eines Menschen gefährdet und dessen Todesangst auch noch genießt? In einem Zug, der 1942 durch das besetzte Frankreich fuhr, reiste Edith Piaf mit ihrer Combo. Jeder andere Mitreisende konnte ein getarnter Deutscher oder ein Kollaborateur sein. Wie immer scherzte die Sängerin mit ihren Musikern. Und wie immer schlug plötzlich ihre Stimmung um. Lauthals beschimpfte sie einen der Musiker als Juden. Schon einige Minuten später bat sie ihn schluchzend um Verzeihung. Der Mann überlebte dank ihr. Seine Dankbarkeit dürfte von Verbitterung durchtränkt gewesen sein. Oder er erkannte die lebenslang von sich selbst Gehetzte in ihr, eine Frau, die zwanghaft verletzte, was sie liebte.

          Frankreich und die Welt jedenfalls üben eine gläubige Dankbarkeit. Sie verehren Edith Piaf als hinreißendes Monstre sacré, vergöttern die Sängerin jenes trotzigen „Non, je ne regrette rien“, huldigen der Zauberin mit der metallischen Stimme, die sich und jedem „La vie en rose“ verspricht, der Kameradin, deren „Milord“ jedem Verzweifelten, ob Zuhälter, Banker oder Arbeiter, wieder auf die Beine hilft, weil sie selbst sich immer wieder aus dem tiefsten Dreck erhoben hat. Edith Piaf, das ist bislang auch dem 21. Jahrhundert jene erschreckend zerbrechliche Winzfrau, der 1949 jedermann trotzdem oder gerade deswegen glaubte, dass sie die Versprechen ihrer „Hymne à l’amour“ wahr machen könnte: „Für deine Liebe, deine wahrhaftige Liebe würde ich den Himmel und die Hölle besiegen.“

          “La môme piaf“: Hätte die legendäre Colette sich statt der Belle Epoque und den höheren Kreisen in ihren tabulosen Romanen dem Lumpenproletariat zugewandt - das nacherzählte Schicksal des „Spatzen von Paris“ wäre wohl ihr größter Erfolg geworden.

          Masochistische und sadistische Exzesse

          Edith Piaf wurde 1915 als Édith Giovanna Gassion in Belleville, einem der schäbigsten Viertel von Paris, geboren. Die Mutter, halb Italienerin, halb Berberin, eine mäßig erfolgreiche Tingeltangelsängerin. Der Vater Akrobat und Alkoholiker. Das Mädchen, zwergenhaft klein, mit einem erschreckend großen Kopf, wächst bei der Großmutter und in einem Bordell auf, erblindet, wird angeblich nach einer Wallfahrt zur heiligen Thérèse von Lisieux, die sie als Erwachsene jährlich inkognito wiederholt, geheilt. Vom zehnten Lebensjahr an begleitet Edith ihren Vater, lebt in Wanderzirkussen und schmuddeligen kleinen Varietés, schult als Straßensängerin ihre durchdringende, später jedem Orchester gewachsene Stimme, wird oft geprügelt und manchmal verwöhnt.

          Mit fünfzehn tut sie sich mit „Momone“ zusammen, die ihr fortan als eine Art dummschlauer Mephisto folgen und sie quälen wird. Wenig später entdeckt der Kabarettbesitzer und Halbwelter Louis Lepleé die Sängerin. Er dressiert sie ein Jahr lang zur Chansonsängerin, studiert ihr jede Geste, jede Betonung ein, erfindet ihren Namen, wählt die geeigneten Lieder. Nach wenigen Auftritten wird die Piaf als Gossentragödin zum Star.

          Der Preis, den sie willig zahlt, ist hoch: Lügen, Hörigkeit, masochistische und sadistische Exzesse. Achtzehnjährig bringt sie eine Tochter zur Welt, die sie ihrem Vater und dem damaligen Geliebten überlässt. Die vernachlässigte Kleine stirbt zweijährig. Piaf nimmt gleich darauf ihre erste Platte auf, deren Erfolg ihr nichts nützt, weil Louis Lepleé ermordet und sie der Mitwisserschaft verdächtigt wird. Freigesprochen, flüchtet sie in die Provinz. Nach zahllosen Auftritten und ebenso vielen Affären holt sie ihr neuer Mentor Raymond Asso 1937 nach Paris zurück. Konzerte, Tourneen, Theater- und Filmrollen, Schallplatten - in kurzer Zeit ist sie die Personifikation des Chansons. Und Ikone: kleines Schwarzes, Goldkreuz, Lockenkopf, Riesenaugen.

          Huldigungen wie von Jean Cocteau

          Den Rest kennt man dank Dutzender Biographien und Filme zur Genüge: dass von Yves Montand, Charles Aznavour und Eddie Constantine bis zu George Moustaki der Weg zum Chansonnier durch ihr Bett führte. Dass der Tod ihres Geliebten, des Boxers Marcel Cerdan, sie 1949 depressiv und drogenabhängig machte. Dass Gicht, Autounfälle und sieben Operationen ihren Körper verwüsteten, sie trotzdem, bei immer öfteren Zusammenbrüchen, weitersang, 1962, todkrank, den zwanzig Jahre jüngeren schwulen Friseur und Sänger Théo Sarapo heiratete, im Duett mit ihm 1962 ihren letzten Hit hatte und ein Jahr später starb.

          All das und tausend Kleinigkeiten mehr verzeichnet Jens Rosteck minutiös mit Namen, Daten und Ortsangaben. Natürlich auch, dass Edith Piaf am 10. Oktober 1963 in einem abgelegenen Haus in dem Nest Plascassier bei Grasse starb, ihr Leichnam aber in einer makaberen Gespensterfahrt heimlich nach Paris geschafft wurde, wo am nächsten Tag ein Arzt ihren Tod bekanntgab - undenkbar, dass der Spatz von Paris nicht an der Seine die Augen geschlossen hätte, wo dann Hunderttausende den Weg nach dem Père Lachaise säumten.

          Verschafft Rostecks Akribie neue Erkenntnisse? Wenige, denn er huldigt der Sängerin auf seine Weise so blind wie einst Jean Cocteau, den er ermüdend oft zitiert, obwohl dieser in tausend Wendungen immer nur sein hohles „Madame ist ein Genie. Sie ist unnachahmlich. Es hat nie vorher eine Edith Piaf gegeben, und es wird auch nach ihr nie wieder eine geben“ wiederholte.

          Klassische Klavierarpeggien

          Dabei spart Rosteck keineswegs mit Urteilen, erklärt, dass ihr wirres Leben der Piaf „gleichsam religiösen Status“ verlieh, verschweigt nicht die „eigenartige Mischung von käuflicher Lust und echter Herzenswärme“, die sie umgab, beschreibt, wie sie im besetzten Paris 1941 die Chansons des jüdischen Komponisten Emer sang, am „Hitler kann ich nicht riechen“ ihres Chansons „Il n’est pas distingué „ festhielt, und bescheinigt ihr damit „mehr politisches Bewusstsein und Zivilcourage, als ein Großteil ihrer Landsleute aufzubringen vermochte“. Doch die wichtigste Frage umgeht er: Warum lebte die Piaf so, wie sie lebte; warum faszinierte und fasziniert sie damit Millionen?

          Der Antwort ist Rosteck eigentlich dicht auf den Fersen. Denn er schiebt Interpretationen einiger der besten Piaf-Chansons als Exkurse ein, erläutert, dass und wie die fähigsten Texter Frankreichs, auch Philosophen und Schriftsteller, Lieder für sie schrieben, wagt es, den späten Aufnahmen eine erschöpfte, brüchige Stimme zu attestieren, ein „Leiern“, das die Piaf freilich souverän als ergreifendes Stilmittel einsetzte. Doch der Musikexperte ist dabei dem Analytiker im Weg: Zu oft wirbelt er mit Fachbegriffen wie „klassische Klavierarpeggien“ oder „Fermatenbildung“, zu selten verknüpft er die Kunst, die Texte und die Bühnenerscheinung mit dem Leben, den Erwartungen und Vorstellungen ihres Publikums.

          Das süßliche „Bimbambum“ der Compagnons

          Andererseits: Wie soll man die brutale Offenheit überbieten, mit der Edith Piaf selbst ihre Passionen beschrieb: „Meine Freunde werden gesehen haben, wie ich mich mit Schaum vor dem Mund an das Gestänge meines Bettes klammerte und meine Dosis Morphium forderte ... mir hinter den Kulissen in fliegender Hast durch Rock und Strumpf hindurch die Spritze in den Schenkel jagte, ohne die ich nicht hätte singen können.“ Mit solchen Bekenntnissen stieg die Künstlerin nicht nur endgültig zur „Hohepriesterin der Agonie“ auf, wie Rosteck zutreffend schreibt. Sie wurde wohl auch zum Schützling ihrer zahllosen Anhänger, geliebt und gefürchtet, wie man die Frau, die Schwester, die Freundin hassliebt, die neben einem nicht anders kann, als sich selbst zu zerstören.

          Wer so viel über das Leben weiß, hat das Recht, sein eigenes wegzuwerfen, leidet stellvertretend das, wovor unsereins sich kleinmütig schützt. So dürfte die Botschaft lauten, die man vor fünfzig Jahren Edith Piafs Liedern entnahm - und die noch heute fesselt. Dabei schlug sie dem Publikum beileibe nicht immer nur ihre gnadenlos realistischen Chansons über das Leben in der Gosse, über verleugnete Begierden, verheimlichte Ängste und ausgelebte Laster um die Ohren. Sie produzierte auch unsäglichen Kitsch. Zum Beispiel „Les trois Cloches“, das Lied vom einsamen Dorf im Tal, wo dreimal, zu Geburt, Heirat und Tod eines ansonsten anonymen Jacques, die Glocken läuten.

          Drei Strophen, drei Lebensstationen: Gemeinsam mit den „Compagnons de la Chanson“ eroberte Edith Piaf damit 1945 erst Frankreich, dann Europa und schließlich Amerika. Jeden ergriff nach dem Grauen des Kriegs diese schlichte Aufzählung der Dinge des Lebens. Das ist einzusehen. Doch weshalb rührte das süßliche, perfide auf Wirkung getrimmte „Bimbambum“, das die Compagnons beisteuerten, alle Welt zu Tränen? Weil die Stimme der Piaf mit einem derart schamlos schneidenden Pathos darüber schwebte, dass aus Tinnef Platin wurde? Oder weil, was jeder zu wissen glaubte, die Sängerin sich so inbrünstig wünschte, vom Flittchen zur Madonna im Kreise junger Apostel geläutert zu werden?

          Sie macht noch heute jeden zum Hanno

          „C’est à Hambourg“ setzte 1955 wieder die Hure in ihr Recht; wieder war es die Person Piaf, die die Grenze zwischen Verlogenheit und Wahrhaftigkeit, dem Klischee von der Nutte mit dem goldenen Herzen und dem tatsächlichen miesen Bordellleben gegenstandslos machte. Deutschland, das sich in einem Welthit endlich einmal nicht als Naziland, sondern akzeptiert sah, war besonders begeistert. Bald darauf setzten die Zusammenbrüche auf offener Bühne ein, Schwächeanfälle, Textprobleme. Nun war Edith Piaf, was ihr Cocteau in seiner besten Hommage zugeschrieben hatte: die „Schlafwandlerin, die, am Rande der Dächer, Träume singend in die Luft wirft“.

          „Zuletzt stand ich“, so beschreibt am Ende der Biographie Jens Rosteck seine Recherchen, „der grauen, steinernen und ziemlich hässlichen Piaf-Statue am Rande des nach ihr benannten Platzes gegenüber. Ich erblickte in ihr eine zornige alte Frau, mehr Kind als Diva.“ Man fühlt sich unwillkürlich an Achim von Arnims Gedicht vom allzeit zerstörenden „Bucklicht Männlein“ erinnert, das in Thomas Manns „Buddenbrooks“ den Knaben Hanno weinen macht: „Wenn ich an mein Bänklein knie, will ein bißlein beten, steht ein bucklicht Männlein da, fängt als an zu reden. Liebes Kindlein, ach ich bitt, bet’ fürs bucklicht Männlein mit.“ Edith Piaf machte und macht noch heute jeden zum Hanno. Man sollte einmal wieder ihre Lieder anhören und sich von ihnen erschüttern lassen. 

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