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Jens Rosteck: Édith Piaf : Bittere Träume, gesungen an den Dachrändern von Paris

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Wer so viel über das Leben weiß, hat das Recht, sein eigenes wegzuwerfen, leidet stellvertretend das, wovor unsereins sich kleinmütig schützt. So dürfte die Botschaft lauten, die man vor fünfzig Jahren Edith Piafs Liedern entnahm - und die noch heute fesselt. Dabei schlug sie dem Publikum beileibe nicht immer nur ihre gnadenlos realistischen Chansons über das Leben in der Gosse, über verleugnete Begierden, verheimlichte Ängste und ausgelebte Laster um die Ohren. Sie produzierte auch unsäglichen Kitsch. Zum Beispiel „Les trois Cloches“, das Lied vom einsamen Dorf im Tal, wo dreimal, zu Geburt, Heirat und Tod eines ansonsten anonymen Jacques, die Glocken läuten.

Drei Strophen, drei Lebensstationen: Gemeinsam mit den „Compagnons de la Chanson“ eroberte Edith Piaf damit 1945 erst Frankreich, dann Europa und schließlich Amerika. Jeden ergriff nach dem Grauen des Kriegs diese schlichte Aufzählung der Dinge des Lebens. Das ist einzusehen. Doch weshalb rührte das süßliche, perfide auf Wirkung getrimmte „Bimbambum“, das die Compagnons beisteuerten, alle Welt zu Tränen? Weil die Stimme der Piaf mit einem derart schamlos schneidenden Pathos darüber schwebte, dass aus Tinnef Platin wurde? Oder weil, was jeder zu wissen glaubte, die Sängerin sich so inbrünstig wünschte, vom Flittchen zur Madonna im Kreise junger Apostel geläutert zu werden?

Sie macht noch heute jeden zum Hanno

„C’est à Hambourg“ setzte 1955 wieder die Hure in ihr Recht; wieder war es die Person Piaf, die die Grenze zwischen Verlogenheit und Wahrhaftigkeit, dem Klischee von der Nutte mit dem goldenen Herzen und dem tatsächlichen miesen Bordellleben gegenstandslos machte. Deutschland, das sich in einem Welthit endlich einmal nicht als Naziland, sondern akzeptiert sah, war besonders begeistert. Bald darauf setzten die Zusammenbrüche auf offener Bühne ein, Schwächeanfälle, Textprobleme. Nun war Edith Piaf, was ihr Cocteau in seiner besten Hommage zugeschrieben hatte: die „Schlafwandlerin, die, am Rande der Dächer, Träume singend in die Luft wirft“.

„Zuletzt stand ich“, so beschreibt am Ende der Biographie Jens Rosteck seine Recherchen, „der grauen, steinernen und ziemlich hässlichen Piaf-Statue am Rande des nach ihr benannten Platzes gegenüber. Ich erblickte in ihr eine zornige alte Frau, mehr Kind als Diva.“ Man fühlt sich unwillkürlich an Achim von Arnims Gedicht vom allzeit zerstörenden „Bucklicht Männlein“ erinnert, das in Thomas Manns „Buddenbrooks“ den Knaben Hanno weinen macht: „Wenn ich an mein Bänklein knie, will ein bißlein beten, steht ein bucklicht Männlein da, fängt als an zu reden. Liebes Kindlein, ach ich bitt, bet’ fürs bucklicht Männlein mit.“ Edith Piaf machte und macht noch heute jeden zum Hanno. Man sollte einmal wieder ihre Lieder anhören und sich von ihnen erschüttern lassen. 

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