https://www.faz.net/-gr3-77sem

Jens Rosteck: Édith Piaf : Bittere Träume, gesungen an den Dachrändern von Paris

  • -Aktualisiert am

Huldigungen wie von Jean Cocteau

Den Rest kennt man dank Dutzender Biographien und Filme zur Genüge: dass von Yves Montand, Charles Aznavour und Eddie Constantine bis zu George Moustaki der Weg zum Chansonnier durch ihr Bett führte. Dass der Tod ihres Geliebten, des Boxers Marcel Cerdan, sie 1949 depressiv und drogenabhängig machte. Dass Gicht, Autounfälle und sieben Operationen ihren Körper verwüsteten, sie trotzdem, bei immer öfteren Zusammenbrüchen, weitersang, 1962, todkrank, den zwanzig Jahre jüngeren schwulen Friseur und Sänger Théo Sarapo heiratete, im Duett mit ihm 1962 ihren letzten Hit hatte und ein Jahr später starb.

All das und tausend Kleinigkeiten mehr verzeichnet Jens Rosteck minutiös mit Namen, Daten und Ortsangaben. Natürlich auch, dass Edith Piaf am 10. Oktober 1963 in einem abgelegenen Haus in dem Nest Plascassier bei Grasse starb, ihr Leichnam aber in einer makaberen Gespensterfahrt heimlich nach Paris geschafft wurde, wo am nächsten Tag ein Arzt ihren Tod bekanntgab - undenkbar, dass der Spatz von Paris nicht an der Seine die Augen geschlossen hätte, wo dann Hunderttausende den Weg nach dem Père Lachaise säumten.

Verschafft Rostecks Akribie neue Erkenntnisse? Wenige, denn er huldigt der Sängerin auf seine Weise so blind wie einst Jean Cocteau, den er ermüdend oft zitiert, obwohl dieser in tausend Wendungen immer nur sein hohles „Madame ist ein Genie. Sie ist unnachahmlich. Es hat nie vorher eine Edith Piaf gegeben, und es wird auch nach ihr nie wieder eine geben“ wiederholte.

Klassische Klavierarpeggien

Dabei spart Rosteck keineswegs mit Urteilen, erklärt, dass ihr wirres Leben der Piaf „gleichsam religiösen Status“ verlieh, verschweigt nicht die „eigenartige Mischung von käuflicher Lust und echter Herzenswärme“, die sie umgab, beschreibt, wie sie im besetzten Paris 1941 die Chansons des jüdischen Komponisten Emer sang, am „Hitler kann ich nicht riechen“ ihres Chansons „Il n’est pas distingué „ festhielt, und bescheinigt ihr damit „mehr politisches Bewusstsein und Zivilcourage, als ein Großteil ihrer Landsleute aufzubringen vermochte“. Doch die wichtigste Frage umgeht er: Warum lebte die Piaf so, wie sie lebte; warum faszinierte und fasziniert sie damit Millionen?

Der Antwort ist Rosteck eigentlich dicht auf den Fersen. Denn er schiebt Interpretationen einiger der besten Piaf-Chansons als Exkurse ein, erläutert, dass und wie die fähigsten Texter Frankreichs, auch Philosophen und Schriftsteller, Lieder für sie schrieben, wagt es, den späten Aufnahmen eine erschöpfte, brüchige Stimme zu attestieren, ein „Leiern“, das die Piaf freilich souverän als ergreifendes Stilmittel einsetzte. Doch der Musikexperte ist dabei dem Analytiker im Weg: Zu oft wirbelt er mit Fachbegriffen wie „klassische Klavierarpeggien“ oder „Fermatenbildung“, zu selten verknüpft er die Kunst, die Texte und die Bühnenerscheinung mit dem Leben, den Erwartungen und Vorstellungen ihres Publikums.

Das süßliche „Bimbambum“ der Compagnons

Andererseits: Wie soll man die brutale Offenheit überbieten, mit der Edith Piaf selbst ihre Passionen beschrieb: „Meine Freunde werden gesehen haben, wie ich mich mit Schaum vor dem Mund an das Gestänge meines Bettes klammerte und meine Dosis Morphium forderte ... mir hinter den Kulissen in fliegender Hast durch Rock und Strumpf hindurch die Spritze in den Schenkel jagte, ohne die ich nicht hätte singen können.“ Mit solchen Bekenntnissen stieg die Künstlerin nicht nur endgültig zur „Hohepriesterin der Agonie“ auf, wie Rosteck zutreffend schreibt. Sie wurde wohl auch zum Schützling ihrer zahllosen Anhänger, geliebt und gefürchtet, wie man die Frau, die Schwester, die Freundin hassliebt, die neben einem nicht anders kann, als sich selbst zu zerstören.

Weitere Themen

Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Topmeldungen

Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.