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Jens Malte Fischer: Richard Wagner und seine Wirkung : Ohne Ekstase keine Musik-Zauberei

  • -Aktualisiert am

Rehabilitation von Randfiguren des Wagner-Kosmos 

Aus den Tagebüchern Cosima Wagners weiß man, dass Wagner, obwohl ein nur ein mittelmäßiger Pianist, doch ohne sein Klavier nicht komponieren konnte. Er improvisierte sich am Flügel in Ekstase, bis ihm etwas Passendes in den Sinn kam. „Mechanisch“ könne er nicht komponieren, erklärte er gegenüber Cosima: „Mein Musik-Machen ist eigentlich ein Zaubern.“ Das Klavier, das er in den letzten Lebensjahrzehnten in Bayreuth für diese Zauberei benutzte, war ein Bechstein-Flügel, der später als Übungsflügel an der Karlsruher Hochschule landete: Liszt, Levi, Mottl und viele andere haben in Haus Wahnfried darauf gespielt, auch der „Parsifal“ ist an diesem Instrument entstanden.

Dies alles ist zu erfahren aus einem schmalen grünen Bändchen, in dem der Dirigent und Studienleiter am Badischen Staatstheater Frithjof Haas seine Wagner-Vorträge gebündelt präsentiert. Es ist eines der interessantesten Bücher, die das Jubiläum 2013 bislang zutage gefördert hat. Haas ist kein Kritiker und kein Apologet, erst recht kein Trittbrettfahrer, sondern er ist schlicht Sammler von Informationen. Da geht es um die Rehabilitation von Randfiguren des Wagner-Kosmos wie den bereits erwähnten Peter Cornelius, um Felix Mottl und Hans von Bülow.

Studie über den revolutionären Wagner

Aber auch um Wagners rauschhaften Zustand kreativer Ekstase beim „Zaubern“ von Musik. Gewiss ist das auch Teil der Wagnerschen Selbstmystifizierung, wie das Samtbarett, der Schlafrock. Haas nimmt aber die von Wagner beschriebene Arbeitsweise, als eine aus dem Sprachduktus entwickelte, ernst, und vergleicht sie mit dem Schaffensprozess von Beethoven, Bach, Brahms, Mozart und Schubert.

Zwei weitere Sammelbände empfehlen sich ihres fundierten Inhalts wegen. Die Texte sind nicht neu, aber sie sind wichtig, streitbar, man sollte sie kennen. Friedrich Dieckmanns emphatische Studie über den revolutionären Wagner der Dresdner Zeit, erstveröffentlicht 2002, ist so brillant wie die über Wagners Schwester Rosalie und die „Feen“ oder die subtile Analyse der Wagner-Bilder auf dem langen Weg von der (Selbst)-Karikatur bis zur Fotografie, die Dieckmann zwei Jahre zuvor für ein Programmbuch der Lindenoper verfasst hat.

Judenhass als Spur in der Musik

Jens Malte Fischers Dokumentation zu Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“ ist zur Zeit vergriffen. Aber jetzt kann man zwei der Vorstudien dazu nachlesen, von 1993 und 2000, und dazu ein scharfes Vorwort aus dem Jahr 2013: Hier lässt Fischer keinen Zweifel daran, dass der Judenhass Wagners deutliche Spuren in dessen Musik hinterlassen habe. Er ruft prominente Zeugen dafür auf, nämlich Gustav Mahler (“ein Wagnerianer, der selbst jüdischer Herkunft war“) und dessen Aussagen über den Wiener Mime-Darsteller Julius Spielmann.

Fischer wundert sich, dass fast alle Wagner-Forscher es bis heute fertigbringen, dies zu ignorieren - als wäre ausgerechnet bei Wagner das Werk vom Autor sauber zu trennen. Er selbst dagegen, Fischer, hadert, da er dem Menschen Wagner misstraut, letztlich auch mit dem Werk, er seufzt: „Ein Gran Gewalttätigkeit“ gehöre wohl dazu, bei der „Wirkungsmacht eines solchen Genies“. Um so beeindruckender seine Studie zu Wagners Sprechgesang und der Geschichte der Wagnersänger.

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