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Jens Malte Fischer: Richard Wagner und seine Wirkung : Ohne Ekstase keine Musik-Zauberei

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Brücke zwischen einstigen und heutigen Wagner-Diskursen

Martin Geck schreibt im Vorwort zu seinem neuen Buch: „Nachdem ich über viele Jahre hinweg Wagner-Philologie betrieben und unter anderem die Grundlagen zu dem dickleibigen Wagner-Werk-Verzeichnis (WWV) gelegt habe, gelüstete es mich nicht länger, Wagner auf die Schliche zu kommen. Mit den weiterhin üppig sprudelnden Wagner-Quellen sinnvoll umzugehen heißt für mich nunmehr, eine Brücke zu schlagen zwischen einstigen und gegenwärtigen Wagner-Diskursen (. . .) Ich will nicht Wagner auf die Schliche kommen, sondern mir selbst und meiner Zeit.“ Das ist ein Wort! Und Martin Geck hält es, von der ersten bis zur letzten der knapp vierhundert Seiten.

Er erzählt, noch einmal, von der Musik Richard Wagners, von ihrer Wirkung und, sporadisch, von dessen Leben, und zwar von der Warte eines Gelehrten aus, der den Überblick hat, der zugleich ein Musikliebhaber ist und der, drittens, den Selbstmystifikationen seines Gegenstandes von Herzen misstraut. In einem entspannten Geschwindmarsch - dieses Paradox sei ausnahmsweise erlaubt, denn es trifft die Sache - führt Gecks Werk-Biographie in einem lockeren Bogen von Wagners Kindheit und dem ersten überlieferten Bühnenwerk des Vierzehnjährigen (“Leubald. Trauerspiel in fünf Akten“) bis hin zu „Parsifal“ und dem Tod in Venedig.

Ein gutes Vademecum

Obgleich der kursorischen Kürze halber viele Details weggelassen wurden: man vermisst nichts. Und obgleich sich Geck immer wieder sprunghaft auf Umwege einlässt, Ausflüge in spezielle Sekundärliteratur oder in die aktuelle Aufführungspraxis unternimmt: nie reißt der Erzählfaden. Man kann dieses Buch wie einen Roman durchlesen. Noch schöner lässt es sich als ein Vademecum nutzen, das man ab und zu um Rat fragen kann.

Kaum eine Fußnote im Wagner-Diskurs der letzten Jahrzehnte, die Geck nicht kennte. Zugleich ist er einer der seltenen Musikwissenschaftler, die von dem Ehrgeiz beseelt sind, auch komplexere musikalische Zusammenhänge und sogar Widersprüchliches so darzustellen, dass auch ein Nicht-Musikwissenschaftler etwas damit anfangen kann.

Wie hat Wagner komponiert?

So weist Geck beispielsweise in den „Meistersingern“ allerhand Unstimmigkeiten nach, die er darauf zurückführt, dass Wagner mit diesem Werk „auch über die öffentlichen Zustände dozieren wollte.“ Anschließend zitiert er den Komponisten Peter Cornelius (“Der Barbier von Bagdad“), der unter dem frischen Eindruck der „Meistersinger“-Uraufführung die These aufstellte, dass das Werk der „musikalischen Form“ nach eine „zur Oper gewordene Fuge“ sei. Eine skurrile Idee.

Geck nimmt sie aber ernst, er bildet das majestätisch-punktierte Meistersinger-Thema Wagners ab neben dem Kopfthema aus dem zweiten Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach, man sieht (und hört) gleich, da gibt es Verwandtschaft - und schon steht die Frage nach dem musikalischen Schaffensprozess im Raum. Wie hat Richard Wagner, den man so gerne einen Dilettanten schalt, überhaupt komponiert?

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