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Sachbuch zur Reformpädagogik : Umtriebe in der pädagogischen Provinz

Die traurige Geschichte der Odenwaldschule: eine Grundlage zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser schafft Jens Brachmanns neues Sachbuch. Bild: dpa

Der lange Weg zum bösen Ende der Odenwald-Schule: Jens Brachmanns „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“ ist eine erhellende Studie zur Geschichte des Vereins Deutscher Landerziehungsheime.

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          Wer sich für die geradezu mafiösen Netzwerke deutscher Bildungsprotagonisten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert, wird in Jens Brachmanns Geschichte der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime reichlich Material zu ihnen finden. Die größte Leistung des zum Teil weit ausholenden Buchs aber ist die präzise und schonungslose Beschreibung der Strukturen, die den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule begünstigt und seine Aufklärung verhindert haben. Denn offensichtlich war den Verantwortlichen immer die Schonung der Internatsschulen wichtiger als die Rücksicht auf Hunderte von Opfern, die bis heute an den Nachwirkungen der sexuellen Übergriffe leiden.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Angesichts ihres Versagens im Missbrauchsskandal an der inzwischen insolventen und geschlossenen Odenwaldschule vergab die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime einen Forschungsauftrag an Brachmann, Professor für Allgemeine Pädagogik und Historische Wissenschaftsforschung in Rostock. Die Vergangenheit dieser Vereinigung sollte von ihm rückhaltlos in den Blick genommen und der Einfluss der Landerziehungsheimbewegung auf die bildungspolitischen Interventionen in der unmittelbaren Nachkriegszeit untersucht werden. Außerdem sollte es um die zweifelhafte Rolle einzelner Akteure und Funktionsträger sowie die pädokriminellen Übergriffe des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, gehen.

          Brachmann bekam als Erster Akteneinsicht

          Der Fokus des Forschungsauftrags lag von Anfang an auf der Darstellung der Institutionengeschichte der Landerziehungsheime (LEH) und der Rekonstruktion der einschlägigen Netzwerke. Dazu hat der Autor das Archiv der Vereinigung eingesehen, das die Jahre von 1950 bis 1999 dokumentiert. Gelagert wurden die Akten zuletzt in der Odenwaldschule. Brachmann war der Erste, der Zugang zu ihnen erhielt. Ob sie womöglich vorher gesichtet und „bereinigt“ wurden, bleibt offen.

          Hellmut Becker, der „Bildungsbecker“, Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, war als Syndikus des Verbandes eine der Schlüsselfiguren. Ohne seine weitreichenden Verbindungen und sein aristokratisches Auftreten hätten die Landerziehungsheime bildungspolitisch nie die Rolle gespielt, die ihnen überproportional zu ihrer Bedeutung zuwuchs. Über den Mitbegründer des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung erfährt man bei Brachmann wenig Neues, weil der Autor neben den LEH-Akten nur auf bereits ausgewertete Quellen zurückgreift. Hellmut Becker pflegte eine unkonventionelle Personalpolitik, zu der auch die folgenreiche Fehlentscheidung für Gerold Ummo Becker als Schulleiter der Odenwaldschule zählt. Eine Entscheidung, die trotz Beckers Wissen über die sexuelle Orientierung und die zweifelhafte Vorgeschichte dieses Kandidaten fiel. Schon mit Gerold Beckers Einstieg in das neue Amt in Ober-Hambach begannen die Sonderregelungen und Merkwürdigkeiten, zuerst mit einer mehrwöchigen Freistellung für die Abfassung einer Dissertation, aus der freilich nie etwas wurde.

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