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Biographie einer Stadt : Berlin ist ein Gewühl

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Am Prenzlauer Berg in der noch geteilten Stadt: der Aufgang zum U-Bahnhof Dimitroffstraße, seit 1990 Eberswalder Straße umbennnatgetauft in EberWiedervereinigung: Schönhauser Allee und Kastanienallee, Pappelallee Bild: Rudi Meisel / VISUM

Ewig jung aus Notwehr: Jens Bisky führt in seinem neuen Buch durch ein halbes Jahrtausend Großstadtgeschichte und schreibt damit eine monumentale Liebeserklärung an die deutsche Hauptstadt.

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          Der beste Song der inzwischen aufgelösten Berliner Indietronic-Band I Heart Sharks, deren Mitglieder – auch das prototypisch – aus New York, London und Bayern stammten, ist eine Berlin-Hymne, die von Schattentänzen erzählt, von Vernarbungen, bejahten Klischees und Autobahnen, von „Marlene“ als Rollenmodell und Selbstermächtigung durch Lebenslust: „und wir machen neue Geschichte“. Das traumtanzwütige Stück läuft auf eine Zeile zu, die als Motto und Fluch über der Spree-Metropole stehen könnte: „This is the Neuzeit“. Berlin, viel zu jung für das, was die Stadt schon erlebt hat, ist in jeder Hinsicht Neuzeit, historisch, weil es als Hohenzollern-Residenz erst unter dem Großen Kurfürsten im siebzehnten Jahrhundert seinen Aufstieg begann – bis zu Baumeister Johann Gregor Memhardt war die Doppelstadt Berlin-Cölln ein mittelalterliches Nest –, aber auch programmatisch, weil das Tabula-rasa-Machen hier immer zum guten Ton gehört hat. Berlin ist vielleicht auch deshalb so schlecht gealtert, weil Anciennität nirgends sonst so wenig zählt. Jungbleiben aus Notwehr.

          Selbstredend ist es unmöglich, ein halbes Jahrtausend Großstadtgeschichte in ein einziges Buch zu packen. Und doch muss man zugeben, dass der Autor und Journalist Jens Bisky mit diesem Vorhaben erstaunlich weit gekommen ist, auch wenn zu jedem Unterkapitel seiner monumentalen Berlin-Biographie ganze Bibliotheken an Quellen- und Forschungsmaterial existieren. Wer ermattet die letzte Seite wendet, hat sich einmal mehr durch die politische und kulturelle Entwicklung nicht nur Berlins, sondern ganz Deutschlands gelesen, schließlich hängt so gut wie alles, was gut und was böse an unserem Land war (oder ist), eng mit Berlin zusammen. Dieses Buch ist ein tausendseitiges Reich der Ideen, Hoffnungen, Freiheiten, Lügen, Tragödien und Verbrechen.

          Jens Bisky: „Berlin“. Biographie einer großen Stadt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019. 976 S., geb., 38,– €.
          Jens Bisky: „Berlin“. Biographie einer großen Stadt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019. 976 S., geb., 38,– €. : Bild: Rowohlt Berlin Verlag

          Man hat die Stadt auch danach nicht im Griff, aber man versteht besser, warum sie sich dem Zugriff entzieht. Es hat damit zu tun, dass Berlin, die Zuwandererstadt, mehr geformt wurde als gewachsen ist, was zu einem gestörten Selbstverständnis der Berliner führte, zur „Selbstmystifikation“. Dass an der Spree zu den verschiedenen Epochen Stadtbürger und Fürstenuntertanen, jüdische Aufklärer und Antisemiten, Modernisten und Historisten, Kommunisten und Nationalsozialisten, Achtundsechziger und Springer-Leser, Wessis und Ossis miteinander lebten, dürfte dazu beigetragen haben, eher auf die Feier des Moments als auf die Diskurshoheit über die Erinnerung zu setzen. Bisky findet dafür die freundliche Formel „Ort für Individualisten, die gern in Gesellschaft anderer Freigeister leben“.

          Der Autor geht chronologisch vor, springt im Detail aber vor und zurück, fügt den einander durchkreuzenden stadt-, kultur-, kunst- und mentalitätsgeschichtlichen Linien immer wieder lebensnahe Anekdoten hinzu. Letztere sind meist überraschender als die Überblicksdarstellungen, zeigen uns etwa, wie ein Soldat (Ulrich Bräker) im Siebenjährigen Krieg gefühlt hat oder wie widerspenstig ein – geistlicher, anticalvinistischer – Liedermacher (Paul Gerhardt) schon zu Barockzeiten sein konnte. Überhaupt gibt es hier, schlicht faktisch, sehr viel zu lernen.

          Geschichte der verpassten Chancen

          Die Lebensgeschichte Berlins stellt sich dabei auch als Geschichte der verpassten Chancen dar. Eine erste Gelegenheit verstrich schon im fünfzehnten Jahrhundert, als innerstädtischer Streit Kurfürst Friedrich II. die Machtübernahme leichtmachte, was verhinderte, dass aus der Vereinigung von Berlin und Cölln eine große Handelsstadt wurde. Unter dem Großen Kurfürsten erfolgte zwei Jahrhunderte später die „Verholländerung“, inklusive Aufnahme der französischen Hugenotten-Calvinisten. „Auf lange Sicht profitierte die Stadt“, zunächst aber stand man den Neuen fremd gegenüber. Auch die mit dem spendablen ersten Preußenkönig – hier eher positiv gezeichnet – und seinem Baumeister Andreas Schlüter angebrochene Kulturblüte blieb folgenlos. Sein sparsamer, soldatischer Sohn habe mit einer „Kulturrevolution von oben“ die „atemberaubende Entwicklung“ Berlins abgewürgt.

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