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Jay H. Gellers „Die Scholems“ : Sicherheit stellte sich nie mehr ein

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Gershom Scholem (Mitte) mit seinen im Jahr zuvor nach Kanada emigrierten Brüdern Erich und Reinhold im Sommer 1939 in Montreal. Bild: Suhrkamp Verlag

Gruppenbild mit Kontrasten: Jay H. Geller folgt in seiner Biographie „Die Scholems. Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie“ den Lebensläufen der gleichnamigen Brüder ins Exil.

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          Jede historische Biographie verlangt, indem sie Darstellung und Deutung verbindet, nach einem ihr angemessenen Erzählstil. Sie kann die Chronologie der Ereignisse in der Darstellung aufbrechen, ihre Dramaturgie an Daten oder an Orten ausrichten, sie kann die Montage des Heterogenen gegenüber dem kontinuierlichen Erzählfluss bevorzugen. Nur muss sie den Zusammenhang der gewählten Form mit dem historiographischen Erkenntnisinteresse zur Geltung bringen. Jay Howard Geller, Professor für jüdische Geschichte in Cleveland, Ohio, hat seine Studie „Die Scholems“ geradezu als Pastiche biographischer Romane des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts angelegt. Nicht nur erinnert ihr Titel an Thomas Manns 1901 erschienene „Buddenbrooks“, auch leitet er sie mit einer Namenstafel der Mitglieder der Familie Scholem ein, wie sie sich oft in Romanen des bürgerlichen Realismus findet.

          Die Tafel führt die Protagonisten der Familiengeschichte an, die Geller als beispielhaft für Biographien von Juden des deutsch-jüdischen Bürgertums ihrer Zeit deutet: den Druckereibesitzer Arthur Scholem, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Berlin mit seiner Ehefrau Betty ins deutsch-jüdische Unternehmertum aufgestiegen war; Arthurs Eltern Siegfried und Amelie sowie seine Großeltern väterlicherseits; vor allem aber die vier Söhne von Arthur und Betty, deren Lebenswege Geller in den Mittelpunkt rückt: Reinhold, Erich, Werner und Gerhard Scholem, der sich später Gershom nannte. Die Biographien dieser Söhne schlüsselt er als charakteristisch für vier gegenläufige Weisen auf, in denen bürgerliche Juden auf den Antisemitismus im Kaiserreich und auf das durch den Nationalsozialismus erzwungene jüdische Exil reagierten.

          Neugierig, aber auch argwöhnisch

          Während Reinhold und Erich, die sich als Mitinhaber der väterlichen Druckerei zunächst am Lebensweg des Familienoberhaupts orientierten, entweder durch Identifikation mit dem Nationalstaat (Reinhold verstand sich als Deutschnationaler) oder mit dem Liberalismus (Erich hielt bis über das Exil hinaus am Ideal der Assimilation fest) dem Stigma zu entgehen suchten, verhielten sich Werner und Gerhard auf gegenläufige Weise idiosynkratisch gegenüber Nationalstaat und Assimilation: Werner, indem er im Kommunismus eine Möglichkeit sah, die jüdische Herkunft in einen kosmopolitischen Begriff von Zukunft einzubringen; Gerhard, indem er sich für eine Verbindung von Judentum und Nationalstaatlichkeit einsetzte, in der er die richtige Antwort auf den Antisemitismus sah.

          Geller verbindet die Lebensläufe der Söhne zwar zu einer Gruppenbiographie, aber ihr Fokus liegt auf dem prominentesten der Söhne, Gershom Scholem. Im Prolog beschreibt er dessen Ankunft im Hafen von New York mit der Queen Mary im Februar 1938: „Es ist sein erster Besuch in diesem Land, das er neugierig, aber auch etwas argwöhnisch betrachtet. In den nächsten Wochen wird er mehrfach vor großem Publikum sprechen, wissenschaftliche Bibliotheken aufsuchen und unter den emigrierten deutsch-jüdischen Intellektuellen alte Bekannte wiedertreffen. Aus seinen Vorträgen wird später ein Buch entstehen, das bei seiner Leserschaft die Wahrnehmung der jüdischen Mystik von Grund auf verändern ... wird.“ Kontrastiv dazu werden die Erfahrungen der anderen Söhne im Jahr 1938 erzählt: die Inhaftierung des als Kommunist verfolgten Werner in Buchenwald, der dort zwei Jahre später ermordet wurde; das Engagement des in Sydney lebenden Reinhold für Emigranten; die Flucht von Betty, die nach der „Reichskristallnacht“ Deutschland verließ.

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