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Jan Plamper: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte : Die Leidenschaften einst und jetzt

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Bild: Siedler Verlag

Hat das menschliche Fühlen eine Geschichte? Der Historiker Jan Plamper kartiert in seinem wegweisenden Buch „Geschichte und Gefühl“ die Grundlagen einer Emotionsgeschichte - und überwindet alte Scheingegensätze.

          Dass wir Menschen fühlen, dass wir Angst haben, Freude empfinden und Trauer, erscheint als eine der grundlegenden Gegebenheiten unseres Daseins, weitgehend unabhängig von geographischen und geschichtlichen Umständen. Doch schwankt die Art und Weise, wie Menschen mit Gefühlen umgehen, von Kultur zu Kultur erheblich, lachen die Menschen auf Tahiti beim Besuch einer Sterbenden, scheinen die Bewohner des Ifaluk-Atolls Zorn als individuelles Wutgefühl nicht zu kennen. Manch ein Ethnologe des letzten Jahrhunderts kam zu dem Schluss, dass Gefühle kulturell produziert und keineswegs anthropologische Konstanten seien.

          Merkels Angst und Putins Lächeln

          Diesem sozialkonstruktivistischen Zugang steht, vereinfacht gesprochen, eine Haltung gegenüber, die Gefühle als immergleiche körperliche Vorgänge begreift, welche auf evolutionär ererbten Reiz-Reaktions-Schemata beruhen: Wir fürchten die Schlange, weil die Schlange für unsere Vorfahren gefährlich war. In einem solchen Verständnis mag es zwar kulturelle Besonderheiten im Umgang mit Gefühlen geben, aber letzten Endes lassen sie sich aufs Körperliche, auf Neuronenfeuer und Hormonausschüttungen, reduzieren.

          Der deutsche Historiker Jan Plamper will die Wandelbarkeit menschlichen Fühlens in den Horizont der Geschichtswissenschaft rücken. Plamper lehrt am Goldsmiths Institute der University of London. Sein letztes Buch „The Stalin Cult. A study in the Alchemy of Power“ ist bisher nur auf Englisch erschienen - sein neues hat er jedoch auf Deutsch geschrieben: „Geschichte und Gefühl - Grundlagen der Emotionsgeschichte“. Aber was genau ist das eigentlich, eine Geschichtswissenschaft der Emotionen? Beispiele, die von der kulturbedingten Verschiedenheit emotionalen Erlebens zeugen, stammen ja eher aus der Ethnologie denn aus der Geschichtswissenschaft.

          Methodische Grundlegung und Wissenschaftsgeschichte

          Emotionsgeschichte, das wäre Plamper zufolge zunächst einmal eine Geschichtswissenschaft, welcher die Fotos einer angstgespannten Angela Merkel angesichts von Vladimir Putins riesiger Labradorhündin und das maliziöse Machtlächeln des russischen Präsidenten ebenso Gegenstand sind wie Napoleon Bonapartes Liebesbriefe an Joséphine. Bestes Beispiel sind wohl Plampers eigene Forschungen, in denen er sich der Geschichte der Angst bei russischen Soldaten im Ersten Weltkrieg widmet. „Geschichte und Gefühl“ ist aber auch eine geschichtliche Untersuchung des wissenschaftlichen Nachdenkens über Gefühle - und es ist der Versuch einer methodischen Grundlegung, denn „Emotionsgeschichte“ muss sich als Disziplin erst noch etablieren, sich ihren Stoff aus den Nebensträngen der Wissenschaftsgeschichte zusammensuchen.

          In der Forschungsgruppe „Geschichte der Gefühle“ des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, in der Plamper mitarbeitete, bündeln sich die Stränge der mit dem Thema „Emotionen“ befassten geistes- und lebenswissenschaftlichen Disziplinen: Ethnologie, Soziologie und Pädagogik, Psychologie natürlich, aber auch Kunst- und Literaturwissenschaften. Dass in der Geschichtsschreibung auch emotionale Strukturen und Praktiken berücksichtigt werden, ist freilich nicht ganz neu. Bereits Lucien Febvre, mit Marc Bloch Begründer der „École des Annales“, forschte zum „Gefühlsleben früherer Epochen“. Die Spuren dieses Umdenkens in der Geschichtswissenschaft ziehen sich durch das gesamte zwanzigste Jahrhundert.

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