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Jan-Heiner Tück: Erinnerung an die Zukunft : Der Geschmack des Zweiten Vatikanums

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Vor fünfzig Jahren wurden in der katholischen Kirche die Weichen in Richtung Zukunft gestellt: Ein wichtiger Sammelband widmet sich den bis heute anhaltenden Auseinandersetzungen um die Reformen.

          Das Schicksal eines Konzils entscheidet sich weniger auf der Kirchenversammlung selbst als vielmehr in der Geschichte seiner Rezeption. Diese Binsenwahrheit der Konziliengeschichte trifft auf das Zweite Vatikanische Konzil, das vor genau fünfzig Jahren eröffnet wurde, in besonderer Weise zu. Das liegt nicht zuletzt am Charakter der von ihm verabschiedeten Dokumente. Hier wurden - anders als bis dahin bei Konzilsdekreten üblich - weder Kirchengesetze verabschiedet noch abweichende Lehrmeinungen verurteilt. Vielmehr hat das Zweite Vatikanum bewusst eine pastorale Sprache gewählt. Außerdem sind seine Dokumente von einem starken Kompromisscharakter geprägt; unterschiedliche Aussagen in ein und demselben Text sind nicht immer bis ins Letzte miteinander austariert.

          Um die Aneignung eines Konzils ringen im Laufe der Rezeptionsgeschichte zumeist Vertreterinnen und Vertreter ganz unterschiedlicher Interessen innerhalb und auch außerhalb der Kirche. Und natürlich sind Papst und Kurie als ständige Einrichtungen dabei gegenüber dem Konzil selbst, das nur ein temporäres Ereignis darstellt, oder einer nur alle paar Jahre tagenden Bischofssynode strukturell im Vorteil. Manche Interpreten hielten deshalb die Rezeptionsgeschichte des Zweiten Vatikanums 1983 für abgeschlossen, als der Codex Iuris Canonici erschien, in dem Buchstabe und Geist des Konzils ihrer Ansicht nach definitiv in gültiges Recht gegossen wurden. Andere waren dagegen der Meinung, dadurch seien die wichtigsten Reformen kirchenrechtlich „abgewürgt“ worden.

          Gegen eine solche tatsächliche oder vermeintliche Vereinnahmung des Konzils durch Rom haben sich nicht wenige Theologen gewehrt. Die Arbeitsgruppe um Giuseppe Alberigo in Bologna hat der lehramtlichen Interpretation eine fünfbändige Geschichte des Zweiten Vatikanums entgegengestellt, die in der deutschen Ausgabe von Klaus Wittstatt und Günther Wassilowsky verantwortet wird. Hier beschränkt man sich nicht nur auf die Texte, sondern hebt das Konzil als historisches „Ereignis“ hervor (1991 bis 2008). Systematiker wie zum Beispiel Peter Hünermann und Bernd Jochen Hilberath haben dagegen auf einen neuen großen theologischen Kommentar zu den Konzilsdokumenten gesetzt, um so ein Gegengewicht zur römischen Konzilsrezeption zu bilden (2004/05).

          Einfühlsame Exegese und Wirkungsgeschichte

          Einer „geduldigen Relecture der Konzilsdokumente“ weiß sich letztlich auch der vorliegende Sammelband verpflichtet, der auf zwei vom Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück verantwortete Symposien im Januar und April 2012 zurückgeht. Ausgangspunkt ist der seit den Diskussionen um die Rekonziliation der Piusbrüder neu aufgeflammte „Krieg um das Konzil“, wie „La Repubblica“ am 2. Juli 2005 titelte. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob das Konzil einen Bruch darstellt oder in einer ununterbrochenen Kontinuität zur katholischen Lehrtradition steht. Oder ob vielleicht doch der von Benedikt XVI. vorgeschlagene dritte Weg einer „Hermeneutik der Reform“ zielführend ist, wobei allerdings völlig offen ist, „wie eine solche Hermeneutik der Reform genau ausbuchstabiert werden soll“, was der Herausgeber treffend bemerkt.

          Das Zweite Vatikanische Konzil hat sechzehn Dokumente verabschiedet, unter denen die vier Konstitutionen zweifellos das größte Gewicht haben. Sie stehen deshalb auch im Mittelpunkt des Bandes. Die Herangehensweise ist weitgehend systematisch-theologisch bestimmt. Dabei wird jeweils eine einfühlsame Exegese des Konzilstextes geboten und das Dokument in den größeren Zusammenhang seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte gestellt. Zunächst kommt die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ als wohl „sichtbarste Frucht des Konzils“ und zugleich umstrittenster Text in den Blick: participatio actuosa der Gläubigen, Landessprache, Zelebration Richtung Volk sind nur die wichtigsten Stichworte dieser Reform.

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