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Jan Assmann über Beethoven : Es fließt und stockt die Zeit

In der Hand das Credo der Missa solemnis: Ludwig van Beethoven auf dem Ölporträt von Karl Stieler 1820. Bild: Archiv für Kunst und Geschichte

Bloß keine Gelegenheit verpassen: Jan Assmann hört in der Missa solemnis, woran Ludwig van Beethoven glaubte. Auch davon handelt sein Buch „Kult und Kunst – Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“.

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          Ganz aus dem Hören gewonnene, erregende Beobachtungen notiert Jan Assmann zum Credo in Ludwig van Beethovens Missa solemnis op. 123: Siebenmal nimmt der Komponist das Wort „et (und)“ zwischen den einzelnen Artikeln des christlichen Glaubensbekenntnisses jäh ins Leise zurück, als ob es jeweils „um ein besonderes Mysterium geht, vor dessen Erwähnung die Stimme zögernd innehält, als gälte es, eine Schwelle zu überschreiten“. Nur kurz zuvor schreibt Assmann über die extreme Diskontinuität in diesem Credo, die Theodor W. Adorno an das Schütteln eines Kaleidoskops erinnert hatte, dass sie an die Unterscheidung der griechischen Sprache zwischen der kontinuierlich fließenden Zeit, chronos, und kairos, „der plötzlich auftretenden Gelegenheit, die es beim Schopf zu packen gilt“, gemahne. Das würde heißen, so könnte man folgern, dass Beethoven den Hörer dieses Glaubensbekenntnisses einem Dauerfeuer aus Scheu und leicht zu verpassenden Gelegenheiten aussetze, einer fast unerträglichen Spannung existentieller Unberechenbarkeit.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Brisanz dieser Beobachtungen entgeht Assmann dabei, weil er sie nicht in Bezug setzt zu Beethovens vieldiskutiertem Finalismus der sonstigen symphonischen Formlösungen, der immer wieder mitreißenden, oft gewaltsamen Zuspitzung gestalteter Zeit auf ein Endziel, ja einen Endsieg. Was bedeutet es, dass Beethoven seinen eigenen Finalismus im Credo der Messe so vehement aushebelt? Ist es das auskomponierte Zerschellen menschlichen Planens an Gottes Macht? Die Anerkennung, nicht selbst Herr der Zeit zu sein? Die Frage bleibt ungestellt.

          Andere Fragen will Assmann in seinem Buch über „Kult und Kunst – Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“ aufwerfen, etwa die, was es heiße, dass diese Messe als erste „Konzertmesse“ der Musikgeschichte aus dem Kult herauswachse, und inwiefern sie dennoch „Gottesdienst“ sei. Dabei zerfällt sein Buch in einen kult- und liturgiegeschichtlichen Teil einerseits und eine Werkmonographie andererseits. Beide enthalten viel Wissenswertes, aber die Brücke dazwischen fehlt. Man wüsste doch zu gern, ob das kairologische Zeitempfinden Beethovens im Credo das gleiche sei, das Assmann für den Apostel Paulus beschreibt. Glaubte Beethoven, in einer Endzeit zu leben? In einer erneuten Naherwartung der Wiederkunft Christi? Nach allem, was man bisher über ihn weiß, doch wohl eher nicht.

          Wir erfahren in dem Buch viel zur mehrfachen Transformation des jüdischen Passahfestes in das letzte Abendmahl Jesu, dann die frühchristlichen Gedächtnisfeiern bis in die kanonisierte Form des katholischen Gottesdienstes, der ab dem frühen dreizehnten Jahrhundert auch eine musikalische Gestalt bekommt. Nur welche Relevanz all dieses Wissen für Beethoven gehabt haben mag, wäre noch zu klären.

          Dass Beethoven kein Kirchgänger war, aber durch seine Musik echte und dauerhafte religiöse Gefühle erwecken wollte, ist bekannt. Assmann fasst daher am Ende seines Buches die Missa solemnis, die ursprünglich für die Weihe von Beethovens Schüler Erzherzog Rudolph von Österreich zum Erzbischof von Olmütz gedacht war, als „Gottesdienst im Kopf“, als radikale, durch das Christentum selbst nahegelegte Verinnerlichung des Glaubens. Es klingt auch sehr plausibel, wenn Assmann schreibt, dass Beethoven – ein Anhänger Immanuel Kants wie der Aufklärungsbewegung der Illuminaten – darum ringe, den Gott der Philosophen mit dem Gott des Dogmas zu versöhnen.

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