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Jan Assmanns Buch „Achsenzeit“ : Was geschah, und wie erinnern wir uns daran?

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam mit seiner Frau Aleida Assmann im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet: Jan Assmann vor der Feierstunde in Frankfurt Bild: Armando Babani/Epa-Efe/Rex

Nicht durchgehend auf dem Forschungsstand: In seinem neuen Buch will Jan Assmann in zwölf Porträtstudien eine Archäologie der Moderne betreiben. Dabei scheut er nicht, Theoretiker wie Hegel miteinzubeziehen.

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          Spätestens seit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an das Ehepaar Aleida und Jan Assmann sind ihre Namen und sogar ihr Konterfei einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Jan Assmann, um den es an dieser Stelle geht, ist es in seinem Lebenswerk gelungen, von der Spezialisierung auf das Fach Ägyptologie aus eine Fülle von Arbeiten hervorzubringen, deren Anregungspotential auf vielen Gebieten enorm ist.

          So hat er aus dem Vergleich von drei Mittelmeerkulturen des Altertums heraus seine Konzeption des „kulturellen Gedächtnisses“ entwickelt, mit seinen Untersuchungen zum Verhältnis von Monotheismus und Gewalt intensive Debatten ausgelöst, aber auch wichtige Schriften zu Thomas Manns Josephs-Romanen und zu Mozarts „Zauberflöte“ vorgelegt.

          Seine neueste Studie gilt einem Thema, das ihn schon seit seiner Gymnasiastenzeit beschäftigt. Es geht um die von Karl Jaspers nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs formulierte These von einer „Achsenzeit“, einer Periode der Menschheitsgeschichte, in der es angeblich gleichzeitig in mehreren Kulturen zur Entstehung von religiösen und philosophischen Vorstellungen von „Menschheit“ und „Transzendenz“ gekommen ist, die uns auch heute noch prägen. Jaspers zielte mit dieser These auf ein Geschichtsbild, das den Eurozentrismus hinter sich lässt, ohne die „europäischen Werte“ aufzugeben; gerade durch die Einbeziehung Chinas, Indiens und auch Irana sollte ein neues globales Denken ermöglicht werden.

          Um diese These blieb es jahrzehntelang eher still. Bei vielen Historikern, die darauf geeicht sind, große Verallgemeinerungen eher skeptisch zu betrachten, hat Jaspers’ Idee als bloß spekulativ keinen guten Ruf. Seit den späten siebziger Jahren aber wurde sie zu einem der heißesten Gegenstände des interdisziplinären Gesprächs von Soziologen, Theologen, Sinologen und Indologen.

          Hegels Erbe

          Assmanns Ziel ist es nun weniger, den genauen Charakter der These theoretisch zu klären oder sie empirisch zu überprüfen – obwohl Passagen zu beiden Fragen in den Text eingestreut sind. Er versucht vielmehr die Geschichte dieser These zu rekonstruieren. Damit liefert er einen originellen Beitrag zur Kenntnis eines bestimmten Strangs der Wissenschaften von der Religion.

          Jaspers hatte nie behauptet, der Erste zu sein, der die von ihm verfochtene These aufgestellt hat. Schon lange ist bekannt, dass sie sich bereits im späten achtzehnten Jahrhundert identifizieren lässt. Materialreicher als seine Vorgänger und mit großem erzählerischem Talent schildert Assmann diese Geschichte in Gestalt von zwölf Porträtstudien.

          So begegnen wir dem französischen Begründer der modernen Iranistik Anquetil-Duperron, der ein Grundwerk des Zoroastrismus als Erster übersetzte, und verstehen, wie er zu dieser Leistung kam. Als Sohn eines Pariser Gewürzhändlers, dessen Bruder in Indien geschäftlich tätig war, hatte er den Mut, persische Texte, die in Europa niemand entziffern konnte, persönlich den Parsen in Indien vorzulegen. Seine Studien und seine Reiseerfahrungen machten aus ihm einen „geschworenen Gegner von Eurozentrismus, Sklavenhandel und Kolonialismus“.

          Ähnlich packend wie diese Geschichte ist die von Jean-Pierre Abel-Rémusat, der zum Pionier der modernen Sinologie wurde, das Bild vor allem um Laotse und den Daoismus erweiterte und die angeblichen inhaltlichen Konvergenzen der großen Religionsstifter und Philosophen in größerer „Tiefenschärfe“ analysierte.

          Jan Assmann: „Achsenzeit“. Eine Archäologie der Moderne. Verlag C. H. Beck, München 2018. 352 S., geb., 26,95 Euro.
          Jan Assmann: „Achsenzeit“. Eine Archäologie der Moderne. Verlag C. H. Beck, München 2018. 352 S., geb., 26,95 Euro. : Bild: C. H. Beck

          An diese beiden wissenschaftsgeschichtlichen Kabinettstücke schließt Assmann ein Kapitel zu Hegel an. Dies muss zunächst überraschen, da Hegels Bild der Weltgeschichte von Anquetils Betonung der „Gleichwertigkeit aller Kulturen“ denkbar weit entfernt ist. Assmann behandelt entsprechend Hegel auch nicht als Repräsentanten, sondern als Antipoden des „Achsenzeit“-Diskurses, was durch die Kontrastwirkung auch diesen Diskurs erhellt.

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