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James Palmer: Der blutige weiße Baron : Im Feldzeichen den Zarensohn, die Farbe des Buddhismus und das Hakenkreuz

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Vom baltischen Freiherrn zum letzten Khan der Mongolei: Der britische Reisejournalist James Palmer legt die erste seriöse Biographie des Barons Roman Nikolai Maximilian von Ungern-Sternberg vor.

          3 Min.

          Baron Ungern-Sternberg erscheint wie ein Wiedergänger seines Vorbilds Dschingis Khan. Man stelle sich vor: einen bleichen Mann mit wirren roten Haaren, eine Säbelnarbe auf der Stirn, der an der Spitze einer Privatarmee aus Kosaken, Mongolen und Russen durch die ostasiatische Steppe reitet. Der hagere Heerführer trägt zerfetzte Seidengewänder, Knochen und Talismane baumeln an seiner Brust. Die Feldzeichen seiner Truppen zeigen den Zarensohn Michael II., das Orange des Buddhismus und das Hakenkreuz. Die Männer machen Jagd auf Juden und Bolschewisten. Alle Ergriffenen, auch Frauen und Kinder, werden ermordet.

          Er zeigte keine Reue

          Den „blutigen weißen Baron“ hat es tatsächlich gegeben. Roman Nikolaj Maximilian von Ungern-Sternberg, geboren 1885, war ein deutsch-baltischer Freiherr aus Reval, der nach der Oktoberrevolution als Kommandant der zarentreuen Weißen Garden an der ostsibirischen Grenze operierte. Er wollte auf eigene Faust eine großmongolische Theokratie erschaffen und ganz Asien niederwerfen.

          Deshalb marschierte er im Jahr 1920 in die Mongolei ein, vernichtete die chinesischen Kolonialtruppen und befreite den buddhistischen Gottkönig Bogd Khan. Ungern-Sternbergs grausame Diktatur trotzte der Übermacht der Roten Armee allerdings nur wenige Monate. Seine teils mit brutalem Zwang rekrutierten Soldaten lieferten ihn an die Bolschewiki aus. Nach einem Schauprozess, in dem der Angeklagte alle seine Untaten zugab und keinerlei Reue zeigte, wurde er im September 1921 in Nowosibirsk erschossen.

          Temporeiche Kampfszenen

          Nun liegt erstmals eine seriöse Biographie des Barons in deutscher Übersetzung vor. Sie stammt vom britischen Reisejournalisten James Palmer, einem Kenner Sibiriens, Chinas und der Mongolei, und erschien vor zwei Jahren im englischen Original. Palmer klopft die Legenden um Ungern-Sternberg auf ihren Realitätsgehalt ab, bleibt allerdings auf höchst unzuverlässige Berichte von Abenteurern aus dem Umfeld seines Protagonisten angewiesen. Viele dieser Nachrichten lesen sich, als seien sie einem Karl-May-Roman entsprungen - etwa wenn der Baron mit nur zwei Gefährten tausendfünfhundert russische Revolutionäre entwaffnet haben soll.

          Die Leistung des Autors liegt in der Verknüpfung temporeicher Kampfszenen mit erhellenden Analysen des soziokulturellen Hintergrunds von Ungern-Sternbergs monströser Vita. Farbenreich schildert er die ethnischen Konflikte Ostasiens, Gewalt- und Dämonenkult im mongolischen Buddhismus - der so gar nicht zum Image einer friedlichen Wellness-Religion passt - sowie die Obsessionen der russischen Oberschicht für Esoterik und für eine vermeintliche jüdisch-bolschewistische Verschwörung.

          Idiotische Großmannssucht

          Die Weltanschauung des von Hause aus lutherischen Barons soll ein „auf Ausrottung abzielender Antisemitismus“ mit einem apokalyptischen Mischmasch aus russisch-orthodoxen und schamanisch-buddhistischen Vorstellungen gewesen sein. Insbesondere jedoch charakterisiert Palmer ihn als Psychopathen mit Neigung zu einem asexuellen „formalisierten Sadismus“. Mehrfach wurde Ungern-Sternberg in jungen Jahren wegen Übergriffen auf Kameraden aus zaristischen Regimentern entlassen. Der Erste Weltkrieg auf Seiten der Russen brachte ihm hohe Auszeichnungen für rücksichtsloses Draufgängertum ein. „Mitten im Gemetzel blühte er auf“, beschreibt der Autor diese bösartige Selbstfindung.

          Ein Porträt Ungern-Sternbergs durch seinen damaligen Vorgesetzten General Karl Gustav Wrangel lautet so: „Er war kein Offizier im eigentlichen Sinn, er hatte keine Ahnung von Strategie, rümpfte die Nase über Disziplin und kannte nicht einmal die elementarsten Gesetze von Ehrenhaftigkeit und Anstand. Er war schmutzig und schlief mit seinen Kosaken auf dem Fußboden. Er besaß eine extrem enge Weltsicht, eine Scheu wie bei einem Wilden, eine idiotische Großmannssucht und ein ungezügeltes Naturell.“

          Schierer Wahnsinn

          Die Unerbittlichkeit des Bürgerkriegs dürfte zur Verrohung des Barons beigetragen haben. Die bizarren Martern, mit denen er auch seine eigenen Soldaten quälte, waren von mongolischen Höllendarstellungen inspiriert. Trotzdem ist es fraglich, ob Ungern-Sternberg blutiger agierte als viele seiner Zeitgenossen: „Die meisten russischen Befehlshaber, gleichgültig, ob sie zur bolschewistischen Roten Armee gehörten oder zu deren Gegnern, den Weißen, waren üble Typen, die kein Problem damit hatten, Tausende von Bürgern niederzumetzeln“, konstatiert Palmer.

          Die späteren Massaker der Sowjets in der Mongolei überboten noch das Terrorregime des Barons. Im Gegensatz zu ebenso skrupellos, aber vernünftiger vorgehenden Verbündeten wie dem General Semjonow verzichtete Ungern-Sternberg allerdings auf materielle Bereicherung und nahm den eigenen Untergang bereitwillig in Kauf. Nichtsdestotrotz kann James Palmer am Feldzug des „weißen Barons“ durchaus strategisch rationale Züge nachweisen. Dies ist wohl die wichtigste Erkenntnis seines Buches: Die Grenzen zwischen Realpolitik, ideologischer Verblendung und schierem Wahnsinn waren in seinem Fall fließend.

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