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Die Folgen unserer Lebensweise : Was würde Han Solo sagen?

  • -Aktualisiert am

Die WHO schätzt, dass die Erderwärmung momentan mehr als 150.000 Tote pro Jahr fordert: Ein Löschflugzeug fliegt einen Einsatz über einer Brandregion bei Lakeport in Kalifornien, aufgenommen 2018. Bild: dpa

Nachhaltigkeit hat ein ernsthaftes PR-Problem: Jakob Thomä rechnet vor, wie viele Menschen durch den Klimawandel, unseren Abfall, unsoziale Arbeitsbedingungen und anonymen Onlinekonsum ums Leben kommen.

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          Nehmen wir an, Sie erfahren, dass Sie durch Ihre Ernährung jedes Jahr eintausendfünfhundert Kilogramm CO2 ausstoßen. Könnten Sie sagen, ob das dem Durchschnitt entspricht? Sind zwanzig Tonnen vielleicht realistischer? Oder wäre es naheliegend, tiefer zu stapeln? Welchen Wert auch immer man heranzieht, es fällt schwer, sich darunter Konkretes auszumalen. Deutschland hat im vergangenen Jahr 762 Millionen Tonnen an Treibhausgasen emittiert. Ist das viel oder wenig? Und wer kann das auf Anhieb einordnen? Der Nachhaltigkeitsökonom Jakob Thomä jongliert in seinem neuen Buch fortwährend mit Zahlen, um zu illustrieren, dass Konsumenten, Produzenten und Investoren mit ihrem Lebensstil Menschen töten. Ohne böse Absicht, oft genug, ohne es zu wissen. Diesem „Kill Score“ spürt er mit bemerkenswerter Sorgfalt nach.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Seine Abhandlung zieht er als gut zu lesende „Detektivgeschichte“ auf. Das ist ein zwar naheliegender, passagenweise auch schräg anmutender, aber insgesamt die Aufmerksamkeit bündelnder Kniff, der den Leser bei Laune hält: Es gibt Tote, es gibt Tatorte, es gibt eine Verhandlung und das Urteil. Die Tatorte sind der Klimawandel, Abfall, Arbeit, anonymer Konsum (etwa soziale Medien) und Kriege. Thomä, Jahrgang 1989, sagt, die Erforschung der Erderwärmung und die Nachhaltigkeit hätten ein PR-Problem, da ihre Befunde nur von wenigen verstanden würden. Er selbst sei als „Erbsenzähler“ Teil der Misere, da er Flora, Fauna oder Emissionen in Zahlen auflöst, die die Vorstellungskraft schnell übersteigen.

          Insofern müssten Erbsenzähler „ihre Abneigung gegen das Ungefähre und Vage der Emotionen“ überwinden. Der Autor leistet beides: Er zitiert zum einen Studien und liefert Daten, deren Brauchbarkeit gewiss von den jeweiligen, mitunter strittigen Erhebungsmethoden abhängt. Zum anderen betont er, dass es nur eine einzige schwer in Mitleidenschaft gezogene Zivilisation gibt – und nicht ein paar Milliarden versprengte Menschen, die unabhängig voneinander vor sich hin existieren.

          Die in Avocado-Smoothies verliebte Prenzlauer-Berg-Gemeinschaft

          Das Aufrüttelungs- und Erregungsprogramm klingt so: „Insgesamt starben im 20. Jahrhundert knapp 400 Millionen Menschen durch unseren Lebensstil im weiteren Sinne“; „Noch eine andere todbringende Macht erhebt ihr hässliches Haupt: der Klimawandel“; „Rechnerisch tötet der Konsument (…) während seines Lebens 0,1 Personen“; „Keine Waffe zählt so viele Opfer in diesem Buch, zumindest noch in diesem Jahrhundert, wie der Feinstaub“; „20 EU-Bürger töten im Lauf ihres Lebens eine andere Person durch Luftverschmutzung“; „Unser globaler Kill Score kommt im 21. Jahrhundert grob geschätzt auf insgesamt mehr als 500 Millionen Menschen“. Nun ist das Genre des Aufrechnungsbuchs durchaus geläufig, doch Thomä treibt das Verfahren auf die Spitze. Ob er das diagnostizierte PR-Problem der Nachhaltigkeit damit lösen kann, muss bezweifelt werden, denn bei seinen im Vorfeld ohnehin überzeugten Lesern wird er offene Türen einrennen, der skeptische Rest dürfte „Alarmismus!“ rufen und abwinken.

          Jakob Thomä: „Der Kill-Score“. Auf den Spuren unseres ökologischen und sozialen Fußabdrucks.
          Jakob Thomä: „Der Kill-Score“. Auf den Spuren unseres ökologischen und sozialen Fußabdrucks. : Bild: Klett-Cotta Verlag

          Das liegt auch daran, dass der Autor die aufwendig recherchierte und mit lebendig geschilderten Beispielen versehene Darstellung stilistisch häufig auf die schiefe Bahn schickt. Sein Anliegen ist ein ernstes, es geht auf fast jeder Seite um Leben und Tod, es geht um die Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist, es geht darum, was die Moralphilosophie dem Utilitarismus ins Stammbuch schreiben könnte. Warum dann solche flapsigen Einlassungen: „Aber es gibt nicht massenweise Bankleute, die nach drei Tagen am Schreibtisch den Löffel abgeben.“ Thomä zufolge verehren wir eine höhere Macht „am Altar des Konsums“, und angesichts der Gefahr, die uns durch Mikroplastik droht, „kann man nur Han Solo aus ‚Star Wars‘ zitieren: ‚I have a bad feeling about this.‘“ An anderer Stelle heißt es: „Freud muss Leid, Leid muss Freude haben, das wissen wir spätestens seit Faust.“ Wenn uns Thomä dann noch verrät, dass eines seiner Lieblingsrestaurants in Istanbul „360 Grad“ heißt, wirkt er wie jene in Avocado-Smoothies verliebte Prenzlauer-Berg-Gemeinschaft, die er selbst nicht ungeschoren davonkommen lässt.

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