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Jacques Le Goff: Geld im Mittelalter : Als zwischen Gott und Geld noch zu entscheiden war

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Bild: Verlag

Schulden hatte die öffentliche Hand schon vor einigen hundert Jahren. Nur war der Kapitalismus nicht schuld daran. Jacques Le Goff bringt seine Erforschung der Rolle des Geldes im Mittelalter mit einer Revision zum Abschluss.

          Dass die Liebe der Frauen die Männer erlöst, ist keine neue Erfahrung. Als aber der Zisterzienser Caesarius im Siebengebirge um 1200 darüber predigte, bot er noch eine andere Geschichte. Kürzlich sei in Lüttich ein Wucherer gestorben, der den kirchlichen Bestimmungen gemäß kein Grab in geweihter Erde erhalten konnte. Seine Witwe habe dagegen mehrfach beim Papst geklagt: „Steht nicht geschrieben, hoher Herr“, hielt sie dem Pontifex vor, „dass Mann und Frau ein Fleisch sind und dass, wie der Apostel sagt, der ungläubige Mann von seiner gläubigen Frau gerettet werden kann? Was mein Mann versäumte zu tun, werde ich - die ich von seinem Fleische bin - statt seiner tun.“ Die fromme Witwe setzte sich durch, durfte den Verstorbenen umbetten und neben seinem Grab eine Klause für sich errichten, in der sie für ihn mit Almosen, Fasten, Gebeten und Nachtwachen Buße tat. Nach sieben Jahren sei er ihr im schwarzen Gewand erschienen, um mitzuteilen, dass er von den schrecklichsten Qualen der Hölle befreit sei, aber weitere sieben Jahre dauerte es noch, bis er weiß gewandet als Bürger des Himmels vor sie treten konnte.

          Der bilderreiche Aufwand, den der Mönch von Heisterbach mit seiner Erzählung trieb, ist begreiflich, hatte er doch eine neue Lehre der Kirche zu vermitteln. Nur wer den Zins zurückzahlte, konnte gerettet werden, hatte bisher gegolten. Jetzt aber sollten den Wucherer auch gute Werke rechtfertigen, selbst wenn sie andere für ihn taten. Mit der Duldung des Zinses rehabilitierte die lateinische Kirche das Geld selbst und ebnete, auch wenn es sich um keinen geradlinigen Prozess handelte, dem Aufschwung der Geldwirtschaft im langen dreizehnten Jahrhundert den Weg. Wie tiefgreifend die Umwertung der Werte und die Mutation der Mentalitäten waren, kann man daran ermessen, dass die Bibel ganz anderes lehrte. „Wer Geld liebhat, der bleibt nicht ohne Sünde; und wer Gewinn sucht, wird daran zugrunde gehen“, heißt es schon im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach; und der Evangelist Matthäus hatte diejenigen, die Christus folgen wollten, gewarnt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

          Geld war der Mörtel für die Verteidigungsanlagen

          Jacques Le Goff hatte sich vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal mit „Wucherzins und Höllenqualen“ beschäftigt und damals in Zeugnissen wie den Wundergeschichten des Caesarius Anzeichen für ein neues ökonomisches System mit einem massiven Gebrauch von Praktiken gesehen, die die Kirche jahrhundertelang verdammt hatte, für den Kapitalismus. Sein neues Buch, mit dem er seine Reflexionen über das Thema abschließen will, dementiert diese These: Vor dem sechzehnten Jahrhundert könne man nicht vom Kapitalismus sprechen, aber die Geldwirtschaft sei doch auch ein Teil der Feudalgesellschaft in der vorangegangenen Zeit gewesen.

          Eindrucksvoll ist die Fülle der Quellen, mit denen Le Goff die Bedeutung des Geldes seit dem Hochmittelalter belegt. Riesig war der Finanzbedarf, um die Handwerker der monumentalen gotischen Kathedralen zu bezahlen; Geld war der Mörtel für die Verteidigungsanlagen, Markthallen, Kanäle und Brunnen der Städte, es verhalf ihren reichen Bürgern zur Selbstdarstellung und den armen Bewohnern zum Kauf ihrer Lebensmittel, für den sie bis zu achtzig Prozent ihres Einkommens aufwenden mussten. Auch die Bauern waren in den Geldverkehr einbezogen; der Verkauf ihrer Erzeugnisse diente der monetären Ableistung ihrer grundherrlichen Lasten, ermöglichte aber auch den Erwerb jener Geräte, mit denen sich der ertragreiche Anbau von Färberwaid und Hanf bewerkstelligen ließ. Aufkommen und Verbreitung des Familiennamens „Schmied“, „favre“ oder auch des bretonisch-keltischen „le goff“ weisen auf die geldwirtschaftlich bedingte Blüte eines alten Handwerks zurück.

          Eine Schuldenspirale im fünfzehnten Jahrhundert

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