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Jacob Burckhardt: Geschichte des Revolutionszeitalters : Wir sind die Woge, die uns trägt

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Bild: Verlag

Die Kunst historischer Betrachtung auf einem Höhepunkt: Jacob Burckhardts faszinierende Geschichte des Revolutionszeitalters liegt zum ersten Mal vor.

          Der Verfasser der monumentalen Biographie Jacob Burckhardts, Werner Kaegi, hat berichtet, dass dieser, als er zum ersten Mal über das Revolutionszeitalter lesen wollte, einem Freund anvertraut habe, vor der neueren Geschichte seit 1763 - eben dem Revolutionszeitalter - graue es ihm, „aber ich muß doch einmal anbeißen“. Die Angst des Historikers vor seinem Gegenstand war untypisch für den Basler Historiker, der sich, ohne gehemmt zu sein, ein ungeheures Pensum aufladen konnte. Das tat er denn auch in diesem Fall.

          Insgesamt las Burckhardt diese Vorlesung zwischen 1859 und 1881 zwölfmal. Das Echo war ungewöhnlich groß und reichte weit über den engeren Hörerkreis hinaus. Man hat sie „eine der glanzvollsten und ergreifendsten“ seiner Vorlesungen genannt. Aber warum das Grauen und später die Betonung der völligen Unvergleichlichkeit? Anlässlich der Wiederaufnahme im Jahr 1867 bemerkte Burckhardt, dieser Kurs sei wie kein anderer, da er vom Anfang dessen rede, was noch fortwirke und wirken werde, „von dem Weltalter, dessen weitere Entwicklung wir noch nicht kennen“.

          Nachwirkungen der Revolution

          In jedem Jahr, in dem Burckhardt über das Revolutionszeitalter las, konnte ein Ereignis sich als Urschrift der Revolution entpuppen. Die Illusion der Ruhe nach dem Sturm, die von 1815 bis 1848 geherrscht hatte, war zerstoben. Ob es die Kriege des Zeitalters waren, die Aufstände und cäsaristischen Tendenzen - überall zeigten sich unmittelbare Wirkungen des anfänglichen Geistes der Revolution.

          So wird die Gegenwart in Burckhardts Vorlesungen zur Bedrohung in dem Maße, in dem sie die Handschrift einer Vergangenheit zeigt, die ihre gewaltige Wirksamkeit noch nicht verloren hat. Nicht zuletzt in dieser Spannung zwischen Revolutionsgeschichte und Zeitgeschichte ist die Faszination begründet, die von der jetzt erstmals veröffentlichten Vorlesung ausgeht.

          Die Kontur der Ereignisse

          Das im Lauf der Jahre angewachsene Konvolut, das Burckhardt seiner Vorlesung zugrunde legte, umfasst rund tausendeinhundert Druckseiten. Aber der Leser ist denn doch überrascht, dass es sich zum größten Teil um Exzerpte handelt. Jacob Burckhardt hat also eine dichte, kompakte Sammlung von Exzerpten vor allem aus der zeitgenössischen historiographischen Literatur angelegt, die der Vorlesung, der Erschließung ihres Gegenstandes, irgendwie dienen sollte. Oder diente diese mächtige Exzerptsammlung in erster Linie der Vorbereitung des Historikers auf sein Thema?

          Erstaunlich ist nun, dass der Leser sich dabei ertappen kann, aus dem Text der Exzerpte - soweit es sich nicht um französische oder andere fremdsprachige Zitate handelt - die Stimme des Vortragenden herauszuhören, so subtil und zwingend sind viele der Zitate ineinander verfugt, so genau geben sie dem jeweiligen Ereignis Kontur.

          Exzerpte als Kommentar

          Auch als Exzerpierender ist Burckhardt ein Sonderfall. Es ist nicht zu übersehen, dass er aus Zitaten ein ganz frisches Porträt der zeitgenössischen Revolutionsgeschichtsschreibung malt, mit Alexis de Tocqueville und Hippolyte Taine als Hauptakteuren. Das Konvolut der Exzerpte kann so als ein originärer Text Burckhardts gelesen werden, vor allem aber als Kommentar zur Geschichtsschreibung der Revolution.

          Burckhardt hat wohl in diesem Fall wie auch sonst frei gesprochen und die jetzt publizierten Blätter dabei lediglich als Munitionierung und Anregung genutzt. Im Falle der Vorlesung über das Revolutionszeitalter wissen wir über das, was Burckhardt seinen Studenten vorgetragen hat, ganz genau Bescheid, weil vor mehr als dreißig Jahren eine Ausgabe des annähernden Wortlauts der Vorlesung erschienen ist. Man kann nun Burckhardts Studien des Revolutionszeitalters zugleich mit dem Text lesen, der für seine Studenten vorgesehen war.

          Einführung in die Revolution

          Zum wichtigsten Bestand der neuen Ausgabe gehören die Einleitungen, die Burckhardt bei Beginn seines Kurses vorgetragen hat und die in immer neuen Anläufen zu erfassen suchen, was die Revolution war und ist. Sie gehören zum Bedeutendsten, was historische Reflexion im neunzehnten Jahrhundert hervorgebracht hat, und sie reichen weit über seine eigene Zeit hinaus, bis ins zwanzigste Jahrhundert.

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