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Buch über Gott im Koran : Allah muss die Menschen nicht mit Spannung fesseln

  • -Aktualisiert am

Muslimische Pilger berühren die goldene Tür des wichtigsten Heiligtums des Islam, der Kaaba in Mekka. Bild: Picture-Alliance

Ein Gott, der mit sich und den Menschen im Reinen ist: Jack Miles widmet sich der Figur Allahs im Koran und erklärt, warum sich der Islam den Vorgängerreligionen überlegen fühlt.

          Jack Miles steht mit seinem Buch auf dem festen Fundament seines Lebenswerkes. Dem jetzt ins Deutsche übertragenen „Gott im Koran“ (2019) gingen die beiden Bücher „Gott. Eine Biographie“ (1996) über Gott im Alten Testament und „Jesus: Der Selbstmord des Gottessohns“ (2001) voraus. Es lag also für Miles nahe und fiel ihm trotzdem, wie er selbst in der Danksagung schreibt, nicht leicht, den Schritt zu wagen und sich der Frage nach Gott im Koran zuzuwenden.

          Miles’ Zögern ist verständlich. Bei jedweder Debatte mit Bezug zur islamischen Religion erweist sich der Koran immer als die letzte Instanz – empörter Ablehnung oder unbedingter Überhöhung. Die heutigen Polemiken haben eine lange Vorgeschichte: So wurde von jüdischer und christlicher Seite der Koran als eine plumpe Nachahmung des Tanach beziehungsweise des Alten und Neuen Testaments abgetan. Juden und Christen waren sich einig in der Kritik (die von jüdischer Seite übrigens auch gegenüber dem Neuen Testament erhoben wurde), dass im Koran das, was wahr ist, nicht neu sei, und das, was neu ist, nicht wahr sei.

          Der Koran als Kunstwerk betrachtet

          Die muslimische Sichtweise wiederum war und ist, dass die Heiligen Schriften der Juden und Christen unbestritten von Gott herabgesandt wurden, aber von den Menschen aus Eitelkeit, Eigennutz und Unachtsamkeit verfälscht wurden. Erst die dem Propheten Mohammed verkündete Schrift sei die reine unverfälschte Schrift. Sie stehe nun der gesamten Menschheit zur Verfügung; einem gänzlich rechtgeleiteten Leben im Sinne eines wahren Glaubens stehe damit nichts mehr im Wege.

          Miles will nicht nur, dass man sich des zwanghaften Griffs in die jeweiligen Bauchläden der wohlfeilen Vorwürfe enthält, sondern schlägt zugleich vor, über die berechtigten, aber allzu oft sterilen Standpunkte einer rein wissenschaftlichen Annäherung hinauszudenken. Wissenschaft könne vieles zu Autorschaft, Entstehungszeitpunkt oder Überlieferungsgeschichte sagen, aber vergesse darüber oft, Werke wie den Koran als ästhetische Schöpfung zu betrachten. Miles weiß natürlich, dass es unmöglich ist, den Koran allein als komplexes und hochwertiges literarisches Produkt zu betrachten.

          Der Gravität der theologischen, ideologiegeschichtlichen und politischen Bedeutung des Korans kann keine Darstellung entrinnen. Man solle sich aber zumindest einer solchen intellektuellen Übung gegenüber offen verhalten – das ist der nicht allzu hoch veranschlagte Eintrittspreis, den Miles für die Lektüre seines Buchs verlangt.

          Keine theologischer Traktat, sondern Theografie

          Um dem Ziel eines emotional möglichst wenig belasteten Zugangs zum Koran nahe zu kommen, regt Miles die „Aussetzung der Ungläubigkeit“ (suspension of disbelief) an, eine im neunzehnten Jahrhundert von Samuel Taylor Coleridge in die englische Literaturkritik eingeführte Zugangsweise: Man könne am Sonntag Jesu Bergpredigt als Teil der eigenen Gottesverehrung hören und dennoch am folgenden Tag denselben Text als literarische Figur verstehen. Ergänzend begreift Miles sein Buch nicht als theologische Abhandlung, sondern als „Theografie“: Dem Gott des Korans sei wie einer Figur in einem literarischen Werk zu begegnen. Dieses Unternehmen gelingt Miles, auch dank der sensiblen Übertragung ins Deutsche, sehr gut. Die vergleichende Lektüre von entsprechenden Passagen im Koran und im Alten sowie – sehr viel seltener – Neuen Testament lässt die Aussagen Allahs plastisch und verständlich hervortreten.

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