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J. Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts : Den Profit vor Augen und über alle Skrupel hinweg

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Scholtyseck schließt sich dem Urteil nur bedingt an. Schließlich ging es Quandt nicht allein um Aktiengewinne, sondern um wesentlichen Einfluss bei Firmen, von deren wirtschaftlicher Zukunft er überzeugt war. So investierte Quandt, um das Risiko breit zu streuen, in zivile ebenso wie in militärisch orientierte Firmen und Produkte, setzte aber, ohne den Nationalsozialisten politisch nahezustehen, bereits in den zwanziger Jahren auf die Wiederaufrüstung Deutschlands. Er war, so das Fazit von Scholtyseck, bereits vor 1933 ein schwerreicher Unternehmer - insofern erweist sich die These des Films von 2007 als polemische Zuspitzung.

Identifikationspunkt für die Familie

Quandt hatte persönlich die nationalsozialistische Regierung nicht herbeigesehnt. Ihre Ziele aber machte er sich rasch zunutze, trat in die Partei ein und profitierte erheblich von der kriegstreiberischen Politik. Von „Verfolgung“ kann keine Rede sein. Günther Quandt nutzte, wie im Fall BEM, skrupellos die Verfolgungsmaßnahmen des Regimes für eigene Zwecke und sein Imperium wuchs unter Hitler. Er erstellte sogar, als der Krieg neue Möglichkeiten in Europa eröffnete, Listen von ausländischen Firmen, auch jüdischen, die er zu übernehmen hoffte. Seine Fabriken beschäftigten über 50000 Zwangsarbeiter, sowohl Fremdarbeiter als auch KZ-Häftlinge. In Posen lag die Fremdarbeiterquote eines Rüstungswerkes der DWM bei rekordverdächtigen 96 Prozent der Belegschaft. Von der Möglichkeit, die Behandlung der Zwangsarbeiter menschlich zu gestalten, machten seine Betriebe nur in der Weise Gebrauch, wie es dem Profit nutzte. Viele Unfälle, Todesfälle und langfristige Gesundheitsschädigungen waren die Folge.

Der Ankläger Quandts nach 1945 hatte für Quandts Verhalten bereits eine Formel gefunden, der sich Scholtyseck anschließt: Der Unternehmer sei von einem „Rausch des Machtstrebens“ getrieben gewesen, in dem der Zweck alle Mittel heiligte. Doch neu sind die Details der Verstrickungen, neu - und erschütternd - ist vor allem die Einsicht in die von moralischen Fragen ungebremste Skrupellosigkeit, die Scholtyseck bei Günther und auch seinem Sohn Herbert Quandt nachweist: ihr kaltherziger Umgang mit Zwangsarbeitern, ihr Profit mit dem Unglück anderer, das Ausnutzen neuer Märkte und von Übernahmemöglichkeiten im Rücken von Hitlers Eroberungskriegen. In der jungen Bundesrepublik gelang Günther Quandt und seiner Familie rasch der Wiederaufstieg. Viele Firmen, Werte und Rohstoffe waren erhalten; die Kriegsverluste der Quandts waren ausgesprochen gering.

Scholtysecks Studie ist detailreich und gründlich, trotzdem gut lesbar geschrieben, abwägend und ohne Voreingenommenheit. Als die Familie Scholtyseck den Auftrag erteilte, hörte man kritische Stimmen, doch das vorliegende Buch dürfte sie zum Schweigen bringen.

Die Enkel von Günther Quandt haben nicht nur die Archive geöffnet und die Studie in Auftrag gegeben. Zwei von ihnen, Stefan Quandt und seine Cousine Gabriele, haben sich jüngst auch in einem „Zeit“-Interview zu den Ergebnissen zu Wort gemeldet: erschüttert, aber auch „dankbar“ für die Aufklärungsarbeit des Historikers. Die „bedauernswerte Vergangenheit“ soll nun „in umgekehrter Weise“ als „Identifikationspunkt“ für die Familie dienen: „So wie unsere Vorfahren möchten wir bei der Verwaltung und Gestaltung eines großen Vermögens mit unserer Verantwortung nicht umgehen.“

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