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Ivan Nagel: Gemälde und Drama : Die Päderastie war das Signum der Künstler

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Bild: Verlag

Ist die Malerei der Florentiner Frührenaissance eher Erzählung oder Drama? Der Kunsthistoriker Ivan Nagel schlägt aus dieser Frage Funken, die Giotto, Masaccio und Leonardo zum Leuchten bringen.

          4 Min.

          Man kann nicht energischer ins Zentrum der europäischen Kunst der Neuzeit zielen, als es Ivan Nagel in seinem Buch über Giotto, Masaccio, Alberti, Donatello, Brunelleschi tut. Das Buch beginnt mit Dante, und es endet noch nicht bei Leonardo. Sein Horizont schließt Caravaggio ebenso ein wie Jacques-Louis David und Goya. Denn es geht um eine Frage, die, wie Nagel uns überzeugen will, die Achse ist, um die sich das Kunstgeschehen seit dem vierzehnten Jahrhundert drehte. Ist die Malerei Erzählung oder Drama? Der Titel seines Buches, „Gemälde und Drama“, verrät, wie Nagels Antwort auf diese Frage lauten wird.

          Man muss sich das Wagnis seines Unternehmens klarmachen, das zweifellos ein einzelgängerisches ist. Die Zeit von 1300 bis 1500, die Nagel zum Thema macht, gehört zu einer der am tiefsten ausgeleuchteten Epochen der Kunstgeschichte. Man kann kaum davon sprechen, dass hier grundsätzliche Fehleinschätzungen zu revidieren wären. Und auch von Ivan Nagels Vorstoß wird man sagen wollen, dass er sich auf einem Feld bewegt, wo das Kunsturteil seit vielen Generationen zwar nicht feststeht, aber den Rang der Gegenstände festgelegt hat.

          Sündenfall der Ästhetik

          Umso erstaunlicher, mit welcher Unnachsichtigkeit Ivan Nagel die Frage „Erzählung oder Drama?“ an die Malerei der Florentiner Frührenaissance richtet. Sein Buch beginnt, um Boden zu gewinnen, mit einer ausführlichen Erörterung der antiken und nachantiken Überlieferung und ihrer Einordnung der Malerei zwischen Erzählung und Drama. Es geht dabei aber letztlich darum, was es mit der Neuformung der Historienmalerei zwischen 1300 und 1500 auf sich gehabt hat.

          Was zunächst wie ein Zweifel des Betrachters aussieht, ob die Bilder dieser Zeit eigentlich erzählen oder ein Drama aufführen, wird nach und nach zur Gewissheit. Ob Bilder überhaupt erzählen können, fragt Nagel gleich zu Anfang seiner Studie und nennt dies wenig später den „ersten und bleibenden Sündenfall der europäischen Ästhetik der Malkunst“. Es hat fast etwas Gewaltsames, wie er die Malerei der Tradition an die Erzählung „gekettet“ sieht und unnachsichtig tadelt, dass man immer wieder gefordert habe, was „kein Gemälde kann: eine Geschichte erzählen“.

          Vorbehalte gegen das Erzählen

          So große Sicherheit muss erstaunen. Denn traditionell hat man der erzählenden Malerei einen Vorsprung eingeräumt, sogar dort, wo es um das Neue Historienbild ging, dessen Neuformulierung in Florenz Ivan Nagel nachzeichnet. Woher also die Vorbehalte gegen das Erzählen? Vielleicht kommen sie aus den Vorlieben des lebenslang leidenschaftlich mit dem Theater verbundenen Autors. Aber so naheliegend deswegen sein Plädoyer für die Malerei als Drama sein mag, so scheint es doch affektiv noch stärkere Wurzeln zu haben.

          Das Gemälde als Erzählung, so macht Nagel immer wieder deutlich, ist belastet von missbräuchlichen Okkupationen durch außerkünstlerische Zwecke. Vor allem das Herrscherlob und überhaupt die Ideologie der Verklärung von Herrschaft bedient sich der Erzählung, und nicht weniger der Ruhm der Mächtigen, deren Taten ins Gedächtnis gebrannt werden.

          Detailreiche Interpretationen

          Nagels Vorbehalte werden deutlicher, wenn er schreibt: „Historie, die sich der Preisung verschreibt (Kirche, Nation, Rasse), macht den Auftrag des Künstlers am Erzählen fest statt am Zeigen.“ Die liberale Seite des Erzählens, auch der erzählenden Malerei, die die Buntheit des Geschehens und die vielgestaltige Individualität in ihm beleuchtet, wird hier zumindest unterschätzt, während Nagel später doch von ihr weiß. Aber es bleibt dabei: Erzählen biete sich zur Heldenverehrung an, reiche die Hand zur ideologischen Vereinnahmung.

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