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: Ist die Liebe etwa ein Gefühl?

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Ein soziologischer Systemtheoretiker kommt ins Seminar und kündigt an, über die Liebe sprechen zu wollen. Verwunderung: Ist die Liebe etwa ein System? Nein, sagt der Soziologe, sie ist keines. Erleichterung. "Liebe. Eine Übung" heißt die Schrift, die er seinem Seminar zugrunde legt. Kann man die Liebe denn üben? Ja, sagt der Soziologe, man kann.

          Ein soziologischer Systemtheoretiker kommt ins Seminar und kündigt an, über die Liebe sprechen zu wollen. Verwunderung: Ist die Liebe etwa ein System? Nein, sagt der Soziologe, sie ist keines. Erleichterung. "Liebe. Eine Übung" heißt die Schrift, die er seinem Seminar zugrunde legt. Kann man die Liebe denn üben? Ja, sagt der Soziologe, man kann. Raunen. Aber, setzt er hinzu, hier wird nicht die Liebe, sondern die Soziologie geübt. Ach so. Und außerdem, ergänzt er, steht die Vorstellung, die wir uns von der Liebe machen, dem Lernen der Liebe entgegen. Zustimmung: Weil die Liebe ein Gefühl ist. Nein, sagt der Soziologe, sie ist kein Gefühl, jedenfalls versteht man sie nicht, wenn man sie für eines hält. Verblüffung: Aber was ist sie dann? Ein Code, so ähnlich wie Geld oder Macht, sagt der Soziologe. Unruhe. Der Soziologe schreibt an die Tafel: "Liebe ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium". Die ersten Studenten gehen.

          So hätte es beginnen können. Es ist das Jahr 1969, Niklas Luhmann hält im Sommersemester eine seiner ersten Lehrveranstaltungen an der Universität Bielefeld. Was er bis dahin publiziert hatte, las sich nicht, als sitze er an einer Soziologie der Liebe: Monographien über den Grundrechtskatalog, die Automation in der Verwaltung, die Logik formaler Organisationen und die Rationalität von Zwecksetzungen, dazu Aufsätze, die eine Gesellschaftslehre auf der Grundlage von Funktionalismus, Kybernetik und Evolutionstheorie versprachen. Dreizehn Jahre später erscheint Luhmanns Buch "Liebe als Passion". Wer es liest, hat den ganzen Luhmann: Das Abstraktionsvermögen der Theorie (Liebe ein Code), ihre Vergleichstechnik (Liebe ähnelt Geld), das gelehrte Interesse an Ideengeschichte (Warum wurden einst fast nur unerreichbare Frauen angeschwärmt? Was ist aus der Galanterie geworden?), die Faszination durch Übertreibungen der Moderne (All You Need Is Love).

          "Liebe. Eine Übung" haben Verlag und Herausgeber das jetzt aus dem Nachlass publizierte Typoskript genannt, das Luhmann 1969 seinem Seminar zugrunde gelegt hatte. Es enthält den argumentativen Kern des Buches ohne dessen kulturhistorische Belege. Man kann es als Einführung in die als schwierig und abgehoben geltende Theorie des Soziologen lesen. Hier erfährt man, dass das Gegenteil der Fall ist.

          Aber von vorn: Warum ist Liebe für den Soziologen kein Gefühl? Weil niemand die Antwort auf die Frage, was sie ist, aus der eigenen Seele oder gar dem Unbewussten erfährt. Man muss die Anteile individueller Emotionen nicht leugnen, um doch zu wissen, dass diese erst durch kulturelle Typisierung zu Liebe und als Liebe erkennbar werden. Nicht jeder Gefühlsausdruck des Angezogenseins geht als Liebe durch. Und umgekehrt muss man einander nicht in Herzen schauen können - wie denn auch? -, um bei bestimmten Mitteilungen annehmen zu dürfen, dass es sich um Liebe handelt. Woher wissen Jugendliche, die sich zum ersten Mal verlieben, dass Unruhe, Begierde, Zustimmung und Gedanken, die sie nicht mehr loslassen, als Liebe zu interpretieren sind? Aus dem Gefühl, so das Argument, wissen sie es nicht, sondern aus einer Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht, auf Gerede, Büchern, längst auch auf Filmen.

          Nicht zuletzt ist Jugendlichen aus solchen Richtungen zugetragen worden, dass Verliebtsein eine selber bejahungspflichtige Möglichkeit für sie ist. Das gilt auch noch später: "Setzt nicht die Liebe auf den ersten Blick voraus", fragt Luhmann, "dass man auch schon vor dem ersten Blick verliebt war?"

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