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Christlicher Glaube : Je näher der Kirche, desto ferner der AfD

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (links) und Kardinal Reinhard Marx (Zweiter v.r.) lassen sich 2016 von Scheich Omar Awadallah Kiswani auf dem Tempelberg führen. Beide verzichteten auf das Tragen ihres Amtskreuzes – auf Bitten der muslimischen und jüdischen Zuständigen. Bild: dpa

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass Deutschland als stark christlich geprägt empfunden wird. Welche Rolle Katholiken hier spielen, hat Andreas Püttmann untersucht. Das geht auch Protestanten, Muslime, Juden und Konfessionslose etwas an.

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          Ausgerechnet im Luther-Jahr tritt ein schmaler Band an mit dem Versuch „einer kleinen katholischen Leistungsschau“. Warum hat der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann, 1964 ins Rheinland und ein katholisches Elternhaus hineingeboren, das unternommen? Weil er antizyklisch wirken und in Zeiten „schwindenden Selbstbewusstseins“ zeigen wolle, dass da Substanz verlorenzugehen droht. Dass in diesem unserem „tendenziell protestantischen Land mit einer antikatholischen Unterströmung“ mehr verloren denn gewonnen wäre, wenn es mit der katholischen Kirche weiter bergab ginge.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          So weit die Begründung, und nun die Ausgangslage: Seit 1950 hat sich die Zahl der Protestanten in diesem Land von 43 Millionen auf 22,5 Millionen annähernd halbiert; die Katholiken haben mit 23,2 Millionen ungefähr so viele Mitglieder wie 1950, aber seit ihrem Höchststand anno 1990 sind sechzehn Prozent verlorengegangen. Trotz Sonntagsgebot finden nur noch drei Millionen Katholiken regelmäßig den Weg in den Gottesdienst. Dennoch verwahrt sich Püttmann angesichts des Mitgliederschwundes bei den Protestanten gegen „Expertisen über eine ,angeschlagene‘ katholische Kirche“. Unausgesprochen bleibt, was viele Christen im Lande denken oder sich erhoffen – dass man gemeinsam stärker wäre.

          Kritik an Landeskirchen

          Um den Zustand und die Denkweisen dieser „erkalteten Religionen“ zu illustrieren, fährt der Autor erst einmal viele (Prozent-)Zahlen auf, hauptsächlich von Umfrageinstituten wie Allensbach und Forsa. Dann steigt er in die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hinab, schreibt über die Rolle der Kirchen während des „Dritten Reichs“ und über die Wendezeit von 1989. Nach dem Ende der DDR habe sich bei vielen Protestanten Frust breitgemacht: Man habe die SED entmachtet, nur um nun von Katholiken regiert zu werden – die sich zur DDR-Zeit tatsächlich deutlicher gegen das System gestellt hatten, als es viele Protestanten taten. Die Landeskirche, schreibt Püttmann, sei eher daran gewöhnt gewesen, sich „an die staatliche Struktur anzuschmiegen“: Thron und Altar.

          Im Gegenzug hätten die Katholiken den Wechsel der Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin mit Skepsis gesehen; ebenso sei die Begeisterung für den Mitverantwortlichen für den Untergang der Sowjetunion, Papst Johannes Paul II., einer Ernüchterung gewichen, als Joseph Ratzinger dem Polen folgte – sämtlichen „Wir sind Papst“-Rufen zum Trotz.

          An einem anschaulichen Beispiel zeigt Püttmann Reaktionsmuster, die den Dialog zwischen den christlichen Religionen in diesem Land bestimmen: Als Benedikt XVI. die Exkommunikation eines Bischofs der Pius-Bruderschaft, der als Holocaust-Leugner auftrat, aufhob, „setzten neuer Atheismus, jüdisches Holocaust-Trauma, antipapistische protestantische Urreflexe, antirömische Affekte des Deutsch-Katholizismus und ein Beute witternder Rudeljournalismus eine Dynamik von Verletztheit, Ressentiment, Häme und Rachegelüsten frei, die zu einem regelrechten Papst-Bashing führte“.

          Püttmann deutet den Rüffel, den Bundeskanzlerin Merkel seinerzeit gegen den Papst austeilte, als Kalkül: Sie habe gewusst, papsttreuen Katholiken bliebe im Zweifel nichts anderes übrig, als dennoch Union zu wählen. Das galt nur bis zur Gründung der AfD, denn dieser Partei laufen Christen beider Konfessionen zu. Von den mehr als fünfundvierzig Millionen in beiden christlichen Kirchen insgesamt haben rund vier Millionen Mitglieder Sympathien für die neue Partei, davon je 200.000 Protestanten und Katholiken „mit starker Kirchenbildung“.

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