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Islam-Debatte : Wie legt man den Koran aus?

Vielgelesen, oft missverstanden: der Koran Bild: AFP

Der Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zaid entkräftet im Gespräch mit Hilal Sezgin Vorurteile über den Islam - Vorurteile, die so oft gehört wurden, dass sie vielen als wissenschaftlicher Konsens gelten.

          5 Min.

          Über kein anderes Buch ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden als über den Koran. Ohne Vorwissen ist er keine leichte Lektüre, sich ihm unbefangen zu nähern ist ebenfalls kaum möglich - das gilt für Nichtmuslime wie für Muslime. Spätestens seit dem 11. September ist er im Westen als gewalttätige Doktrin verschrien und als Quelle von Unterdrückung. Jedes neue Attentat von Al Qaida macht Muslime zu Verbrechern und den Islam zum Hauptangeklagten; als Beweis für seine Zerstörungswut werden Koranverse zitiert, in deren kämpferischem Vokabular sich die tatsächlichen Taten widerzuspiegeln scheinen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf die Atmosphäre des Misstrauens reagieren Muslime mit einer instinktiven Verteidigungshaltung und versuchen, die Verurteilung ihrer Religion ihrerseits mit Koranzitaten zu widerlegen. In beiden Fällen werden die Belege nur selten kontextualisiert und verwandeln sich so in Schlagwörter, die in populistischer Weise Emotionen schüren. Unbewusst machen sich Nichtmuslime und Muslime damit die Rhetorik religiöser Fundamentalisten zu eigen. Sie bestätigen deren Logik und theologisieren ein gesellschaftspolitisches Problem.

          Es bedarf der historischen Einordnung

          Einen anderen Weg beschreitet Nasr Hamid Abu Zaid, der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Islamreformer gilt. Statt den Koran zu verteidigen, möchte er Anleitungen geben, den Koran zu verstehen. Für ihn ist der Koran ein historischer Text, geschrieben und zusammengefügt von Menschenhand, der auf eine gesellschaftlich motivierte Suche nach Lösungen bestimmter historischer und politischer Probleme antwortet und sich deshalb an bestimmte Adressaten wendet - ausdrücklich oder implizit.

          Religiöser Wissenschaftler: Nasr Hamid Abu Zaid

          Die koranischen Aussagen, folgert er daraus, können deshalb nicht wörtlich auf unsere Zeit übertragen werden, sondern es bedarf ihrer historischen Einordnung, einer hermeneutischen Analyse, um sie zu verstehen. Für diese These wurde Abu Zaid in seiner Heimat Marokko wegen Apostasie angeklagt, von seiner Frau zwangsgeschieden und lebt seitdem im niederländischen Exil, wo er an der Universität Utrecht den Lehrstuhl für Humanistik und Islam innehat. Welche Dimensionen sich tatsächlich durch eine diskursanalytische Untersuchung des Korans eröffnen, verdeutlicht der Reformdenker auf eindrucksvolle Weise mit seinem neuen Buch „Mohammed und die Zeichen Gottes“, das Hilal Sezgin zusammen mit ihm veröffentlicht hat.

          Ein geselliger, erfolgreicher Kaufmann

          Die vierzehn Kapitel über die Entstehungsgeschichte des Korans, über historische Fragen und spirituelle Praxis und über Themen wie Geschlechterbeziehung, Gewalt und Fundamentalisten sind das Ergebnis einer Interviewreihe, die die Journalistin im Sommer 2007 mit Abu Zaid geführt hat. Der Islamwissenschaftler analysiert Suren, historische Zusammenhänge und Hadithe, die außerkoranischen Überlieferungen über Aussprüche und Handlungen des Propheten. Auf verblüffende Weise entkräftet er Vorurteile, die bei uns schon so oft gesagt und gehört worden sind, dass sie vielen inzwischen als wissenschaftlicher Konsens gelten.

          „Jede religiöse Figur ist vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund zu betrachten, vor den Notwendigkeiten ihrer Zeit; und sie ist auch nach den Notwendigkeiten jener Zeit zu beurteilen, nicht nach den heutigen“, schreibt Abu Zaid und porträtiert Mohammed als einen geselligen, erfolgreichen Kaufmann, den neben tiefempfundener Religiosität vor allem soziales und politisches Geschick auszeichnete. Seine Verwicklung in kriegerische Konflikte, die von Kritikern als Beweis für den Eroberungsanspruch des Islam gewertet wird, ergab sich fast automatisch aus den politischen Bedingungen der Zeit. Im Arabien des siebten Jahrhunderts gab es kein Rechtssystem und keine Macht, die das Recht durchsetzte. Das Einzige, was zählte, waren Stämme, deren Gemeinschaft sich durch Blutsverwandtschaft legitimierte.

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