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Isabella Löhr: Die Globalisierung geistiger Eigentumsrechte : Die Politik der Unpolitischen

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Bild: Verlag

Unter welchem Deckmantel trieben diese Unpolitischen ihre Politik? Isabella Löhr erzählt eine Erfolgsgeschichte der globalen Verrechtlichung kultureller Beziehungen am Beispiel geistiger Eigentumsrechte.

          Prominente Datierungen regen stets an, Epochengrenzen neu zu verhandeln. So auch bei Isabella Löhrs profunder Dissertation zur Globalisierung geistiger Eigentumsrechte. Sie untersucht, so der Untertitel, „Neue Strukturen internationaler Zusammenarbeit“ und gibt als Eckdaten 1886 bis 1952 an. Es ist dieser größere Kontext, der der Arbeit ihr Gewicht auch jenseits der speziellen Frage immaterieller kultureller Güter verleiht. Denn Löhr bewegt sich umsichtig in einem Feld, das seit einigen Jahren für verschiedene Disziplinen interessant geworden ist.

          Einen konkreten Anlass bieten vordergründig aktuelle Diskussionen über den Schutz des Autors und seiner Rechte, die zuletzt durch neue digitale Informations- und Speichermedien veranlasst wurden. Dieses Moment spricht auch Löhr eingangs an, doch das Motiv des technischen Wandels als Impulsgeber für Normierungen bleibt bei ihr vergleichsweise schwach. Konsequent findet auch am Ende keine Rückbindung an aktuelle Diskussionen statt. Aus der Geschichte lernen heißt in diesem Fall keine leichtfertigen Alliterationen vorzunehmen und unpassende Suggestionen zu unterlassen.

          Folgenreiches Regulierungsregime

          Dominant bei Löhr ist hingegen der soziale und ökonomische Wandel, der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Frage der Schutzbedürftigkeit der Autorenrechte verschärfte. Mit der epochalen Vervielfachung der Weltwarenproduktion - die Rate soll bis 1913 um das Dreiunddreißigfache gestiegen sein - sowie der Alphabetisierung wurde das Buch zum grenzüberschreitenden Massengut der aufdämmernden Massengesellschaft. Die Autoren aber waren durch Nachdrucke in anderen Ländern zur potentiell leichten Beute von Rechtsverletzungen geworden, welche ihren Anspruch auf ideelle Anerkennung und finanzielle Absicherung untergruben.

          Löhrs Geschichte der Schutzvorkehrungen in jener globalen Kulturindustrie setzt 1886 ein, als eine internationale Organisation begründet wurde: Die Berner Konvention ersetzte bi- und multilaterale völkerrechtliche Verträge und etablierte eine institutionalisierte Kooperation durch eine internationale Staatenunion. In ihr galt das Prinzip der Inländerbehandlung, das Ausländern gleichen Rechtsschutz wie für heimische Autoren garantierte, und das Prinzip der materiellen Gegenseitigkeit normierte, das den Schutz im Ausland so lange währen ließ wie im Land der ersten Veröffentlichung. Um dieses folgenreiche Regulierungsregime zu analysieren, plaziert Löhr ihre preisgekrönten Beobachtungen an der Schnittstelle von Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaft, die sich nun umgekehrt gleichermaßen von den Ergebnissen angeregt fühlen sollten.

          Denn solche völkerrechtlichen Verträge wurden für andere Regelungsgegenstände geschlossen und begründeten punktuell dichte Kooperationen im Zeitalter, das eben nicht nur die nationalstaatliche Souveränität hochhielt, sondern auch gesellschaftliche Selbstorgansiation und Vergesellschaftung internationaler Regelbildungsprozesse. Die Politikwissenschaft wiederum darf sich belehren lassen, dass „global governance“ kein Phänomen der letzten Jahre und Jahrzehnte ist, bemerkenswerte internationale Organisationen schon parallel und dialogisierend mit moderner nationalstaatlicher Gesetzgebung entstanden. Leider sucht Löhr nicht systematisch die vergleichende Ebene, die ihre Ergebnisse zu den Interdependenzen noch signifikanter hätte machen können.

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