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: Irgendein Licht fällt auf ihn

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          6 Min.

          Er ist in diesen Wochen überall. Der Mann, von dem alle sagen, wie leidenschaftlich gern er Porsche fahre; dem trotz antibürgerlicher Wut der Glamour der Großbürgerlichkeit zusagt, der einen eigenen Kleidungsstil begründet hat und in den erstaunlichsten Farbkombinationen zu sehen ist und der - vor allem - zu Hause in Hamburg, auf seinem Sofa, die gesamte deutsche Literaturgeschichte der Nachkriegszeit versammelt hat. Fritz J. Raddatz, ehemals Cheflektor beim Ost-Berliner Verlag Volk und Welt, bei Rowohlt, später Feuilleton-Chef der "Zeit", wird am 3. September 75 Jahre alt. Die Party hat schon begonnen, und als überschwenglicher Gastgeber weiß er sie gekonnt zu inszenieren: Fritz J. Raddatz, Autor, Sammler, Lebenskünstler, feiert sich - um sich feiern zu lassen.

          Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, daß pünktlich zum Geburtstag gleich mehrere "Effjot"-Bücher erscheinen, darunter ein Band über seine Lieblingsinsel Sylt sowie eine Essay-Sammlung; und daß das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe für Ende August eine Art Raddatz-Selbstausstellung ankündigt, die er im exklusiven Rahmen auch eigens eröffnen wird. Ein Mann von kettensprengender Eitelkeit? Ganz offensichtlich ja. Doch ist das kein Grund, sich gleich abzuwenden. Raddatz' wilde Selbstverliebtheit - wer seine Autobiographie "Unruhestifter" gelesen hat, weiß das - ist, aus der Distanz und nur aus der Lektüre beobachtet, so ungebrochen, sein Mitteilungsbedürfnis so ausgeprägt, daß er nicht einmal darum bemüht ist, sich selbst zu schonen. Fritz J. Raddatz packt aus, schamlos, auch die Niederlagen. Er gehört nicht zu denen, die sich um alles in der Welt in schmeichelhaftem Licht sehen wollen; sein Himmel darf schmutzig, er darf auch düster sein - Hauptsache, irgendein Licht fällt auf ihn. So nimmt er in Kauf, als "Fritzchen" gelegentlich völlig schutzlos dazustehen: verraten, verlassen, mißbraucht.

          Boxkampf mit Johnson.

          Im "Unruhestifter", das zugleich auch eine Geschichte des kulturellen Lebens der frühen DDR und der Bundesrepublik ist, sind die eindrücklichsten Passagen deshalb jene, die die Einsamkeit eines Mannes aufscheinen lassen, der sich doch immerzu in illustrester Gesellschaft weiß; der also vor allem auch eine Menge Spaß hat, wenn zum Beispiel Uwe Johnson 1964 im Hause Raddatz James Baldwin anschreit, er sei kein Schriftsteller, woraufhin Rowohlt-Ledigs Ehefrau Jane schlichtend eingreifen will, Johnson sie aber aufs Sofa boxt, "so daß ihr überreicher Schmuck von ihr abfällt wie Kugeln vom Weihnachtsbaum". Raddatz kannte sie alle, die großen deutschen Schriftsteller. Viele kennt er noch. Er rang um ihre Freundschaft, gab alles. Enttäuschungen, daraus macht er kein Hehl, blieben ihm dabei nicht erspart. Kann man, das ist eine der Fragen, die sich durch die Autobiographie ziehen, kann man als Verleger oder Kritiker mit einem Schriftsteller befreundet sein? Man kann es, ja, seine Freundschaft zu Günter Grass spricht da für sich. In anderen Fällen aber hadert er, "wähnt" sich eher befreundet. Sicher ist er sich nicht.

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