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: Irgendein Licht fällt auf ihn

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Der Bruch kam, als Johnson einen Anruf von Unseld erhielt, den Nachfragen erreicht hatten, ob Johnson und seine Familie wirklich getrennt lebten. "Die Sache kommt aus Hamburg", protokollierte Johnson in seinen Kalender, "alle berufen sich auf RADDATZ, ENZENSBERGER muss es von ihm haben." Er reagierte harsch: "Der Diskretion, die einem Verehrer Tucholskys angestanden hätte, zogen Sie eine undelikate Gerüchtemacherei vor", schrieb er an Raddatz, warf ihm "unmanierliche Klatschsucht" und, was traf, "Illoyalität, westdeutsche Spielart" vor. Raddatz wies das zurück, doch spielte es für Johnson da schon keine Rolle mehr, wer wem was erzählt hatte. Er sah sich in einer Zwangslage, mußte dafür sorgen, daß zumindest der Freundeskreis von der Trennung erfuhr. Der Gebrauch vorgedruckter "divorce / seperation cards, wie sie hier im Handel sind", sei ihm ja verwehrt, schrieb er Unseld am 19. August 1978 aus Sheerness.

Johnson war nicht zum ersten Mal außer sich. Er hatte in seinen Raddatz-Briefen im Lauf der Jahre ein Mißtrauensvotum nach dem anderen gestellt. Und dieses Mißtrauen, das Ringen um Freundschaft, der Versuch, üble Nachrede zu kontrollieren, macht diesen Briefwechsel überhaupt so interessant. Sie schrieben einander natürlich auch über anderes: Johnson hat Bücherwünsche, schickt einen langen Bericht über sein Verhältnis zur Gruppe 47 oder beschreibt Raddatz lustig genau, wie er nach Sheerness kommt: "in manchen englischen Zügen kann man die Türen nicht von innen aufmachen, sondern muss das Fenster in der Tür hinunterlassen und nach außen greifend die Klinke drehen, wenn man aussteigen will. In Sittingbourne wollen Sie umsteigen." Raddatz wiederum erzählt von sich, fragt nach Beiträgen und nach den "Jahrestagen".

Warum diese Schärfe?

Von Beginn an ist aber auch dieser johnsonspezifische Argwohn da, haben beide unaufhörlich den Wahrheitsgehalt irgendwelcher Gerüchte zu klären, aus Hamburg, Frankfurt, München oder eben solcher, die, wie Johnson spöttisch schreibt, "Dr. Enzensberger offenbar am Straßenrand findet". Mit maliziösem Spaß verbreitet Johnson selbst ein Gerücht, um zu gucken, wie schnell es über den Atlantik zurückkommt - nach drei Wochen ist es wieder da. Und er macht "Fritzchen" immer wieder Vorwürfe, auf die "Fritzchen" jedes Mal bestürzt reagiert: "Was Sie doch für ein Rasiermesserbegriff von Freundschaft haben; jedenfalls wähne ich uns doch befreundet? Aber warum eigentlich, immer wieder mal, diese Schärfe?"

Sie hätten sich einfach nicht mehr melden, hätten voneinander lassen könnten. Aber sie machten weiter - was die Frage, ob sie denn nun wirklich befreundet gewesen seien, ganz von selbst beantwortet. Die Briefe gleichen einem andauernden Ringen, sich im Lärm der "Urwaldtrommel des Literaturklatsches" eine aufrichtige Stimme zu bewahren. Es endet im Eklat. Johnson "verschneckt" sich immer mehr in England - Raddatz' Mitteilungsbedürfnis ist in alle Richtungen hin ungebrochen. Vor allem ist die "Urwaldtrommel" lauter als sie.

Der, den Johnson "Fritzchen" nannte, trommelt auf seine energische Raddatz-Weise in eigenem Namen weiter. Er klingt dabei ein bißchen wehmütig, wenn er im neuen Essayband, "Schreiben heißt, sein Herz waschen", beklagt, daß die jüngste deutsche Literatur "völlig wirkungslos" sei und trotz "mächtiger Schallverstärker" gegen den "Hall der Alten" nicht ankomme. Die alten Zeiten waren nicht besser. Vor allem waren es auch die Zustände nicht. Man muß nur - staunend, manchmal angerührt und immer leicht befremdet - Raddatz lesen, um das zu wissen.

JULIA ENCKE.

"Uwe Johnson - Fritz J. Raddatz. Der Briefwechsel". Herausgegeben von Erdmut Wizisla. Suhrkamp-Verlag. 340 S., 26,80 Euro.

Fritz J. Raddatz: "Mein Sylt". Marebuchverlag. 156 Seiten, 18 Euro.

Fritz J. Raddatz: "Schreiben heißt, sein Herz waschen". Literarische Essays. Zu-Klampen-Verlag. 252 Seiten, 18 Euro.

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