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: Irgendein Licht fällt auf ihn

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Wenn zu Raddatz' Geburtstag bei Suhrkamp jetzt sein Briefwechsel mit Uwe Johnson erscheint - zwei Briefschreiber, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten: Johnson streng moralisch, verschwiegen, Raddatz über die Maßen offenherzig, beinahe zügellos -, dann ist sie wieder da, die Frage nach der Möglichkeit einer solchen Freundschaft. Sie ist das beherrschende Thema der Korrespondenz, die sieben Jahre, nachdem beide sich kennengelernt hatten, begann, als Johnson 1966 bis 1968 in New York lebte. Begegnet waren sie sich durch, wie Johnson das nannte, Hans Werner Richters "Begabung, Gruppen zu bilden". Beide waren 1959 bei der Tagung der Gruppe 47 auf Schloß Elmau gewesen. Und die Gruppen, der Kulturbetrieb, das Verlagsgeschäft, die Feuilletons, kurz: die ganze große Gerüchteküche, blieben auch der Rahmen, der ihr Verhältnis absteckte. Als Johnson starb, mußte Raddatz mit den übriggebliebenen Gerüchten allein klarkommen und sich, nachdem er ihm in der "Zeit" einen Nachruf geschrieben hatte, vorwerfen lassen, sich mit einer Freundschaft "zu brüsten", obwohl diese ihm "in einem bitterbösen Brief aufgekündigt worden war". Der Briefwechsel gibt jetzt Antwort auch auf diese Vorwürfe und stellt einiges klar. Völlig unfaßbar nach wie vor, was nach Johnsons Tod alles für schmutzige Wäsche gewaschen wurde. Das selbstbezügliche Gerede, das den Pulsschlag des kulturellen Lebens vorgibt, raubt einem ja heute oft die Nerven. Vor zwanzig Jahren waren da aber noch ganz andere Sachen los.

Kaum nämlich war Uwe Johnson 1984 gestorben - man fand ihn in seinem Haus in England, in Sheerness-on-Sea, wo er neunzehn Tage lang tot gelegen hatte, ohne daß es jemand bemerkte, seine Frau und seine Tochter wohnten länger schon nicht mehr bei ihm; kaum also war sein Haus versiegelt, stieg der damalige "Stern"-Redakteur Tilman Jens, Sohn des Rhetorik-Professors Walter Jens, durch ein Fenster ein, um den sensationellen letzten Hauch des Autorentods zu atmen. Er fand "die Reste eines kärglichen Frühstücks" und ein "Glas mit roten Rändern", von dem er allen Ernstes behauptete, daß es "in jener Nacht" voll gewesen und sein Inhalt in den neunzehn Tagen "verdunstet" sein mußte. Und er fand Schriftstücke, die er kurzerhand mitnahm, darunter einen gnadenlosen Brief von Johnson an Raddatz, den Jens offenbar an Hellmuth Karasek weitergab. Karasek wiederum veröffentlichte ihn im "Spiegel", um mit dem Nachrufschreiber Raddatz abzurechnen. Dabei verteidigte er die Johnson-Reportage von Tilman Jens als "einfühlsam-respektvoll". Jens flog beim "Stern" raus - laut eigener Aussage angeblich "einvernehmlich und ausschließlich aus privaten Gründen".

Irre Begleitumstände.

Johnsons unerbittlicher Brief vom 19. August 1978 an Raddatz, der für soviel Aufsehen sorgte, steht nun am Ende dieses Briefwechsels, und er ist aus der Abfolge der vorangehenden Briefe tatsächlich überhaupt auch erst richtig zu verstehen. "Sehr geehrter Herr Raddatz", redet Johnson ihn fünf Jahre später in einem einzigen noch später datierten Brief an, was die enorme Distanz nach dem Bruch deutlich macht. Über Jahre hinweg hatten sich die beiden - nicht ohne eine gewisse Herablassung von Johnsons Seite - mit "Liebes Fritzchen" und "Lieber Groß-Uwe" angeredet. Das war auch liebevoll, wirkt aber extrem angestrengt, vor allem dann, wenn das "Fritzchen" in der dritten Person von sich selbst als "Fritzchen" spricht ("nein, nein, das mimosenfritzchen ist nicht etwa wieder mal über irgendwas uwe'sches eingeschnappt"). Das ist einfach zuviel.

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