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Interview : Unsere Regierung ist hirntot

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Friedman: „Indien und China sind wie zwei sechsspurige Superautobahnen” Bild: Getty Images/AFP

Der erfolgreichste Globalisierungsprophet heißt Thomas L. Friedman. Jetzt ist sein Buch „Die Welt ist flach“ endlich auch auf deutsch erschienen. Im Gespräch verrät er, warum er wenig von Europa hält und für China eine emsige Zukunft erwartet.

          Mehr als 1,5 Millionen Exemplare hat das Zukunftsszenario „Die Welt ist flach“ des Journalisten und Pulitzer-Preis-Gewinners Thomas L. Friedman in den Vereinigten Staaten verkauft; ein Jahr lang stand das Buch an der Spitze der bestsellerliste der „New York Times“; in fünfundzwanzig Sprachen wurde es übersetzt. Im September erscheint es in einer Fassung auch auf deutsch. Warum er für China und Indien sehr optimistisch ist, während er den Chancen Europas eher skeptisch sieht, erläutert Friedman im Gespräch.

          Warum ist die Welt, wie Sie in ihrem neuen Buch behaupten, flach?

          Das hängt mit vier Dingen zusammen. Als erstes versetzte uns der Fall der Berliner Mauer in die Lage, die Welt wieder als flache Scheibe anzusehen. Vor 1989 war das schwierig, weil da eine Mauer im Weg war. Dann kam, zweitens, der Aufstieg des Personalcomputers, der jedem Individuum erlaubte, Worte, Bilder, Daten oder Videos zu vertreiben. Seit Höhlenmenschen etwas an Höhlenwände malten, waren wir zwar Autoren unseres eigenen Content, wie wir jetzt sagen würden, aber Inhalt in digitaler Form ist erst seit dem PC möglich. Als drittes wäre das Internet zu nennen, das den praktisch kostenlosen Transport der digitalen Inhalte ermöglichte, und als viertes das, was ich als „Workflow Software“ bezeichne. Damit konnte meine Software mit Ihrer in Verbindung treten, und so war ich fähig, meine Inhalte übers Internet kostenlos rund um die Welt schicken. Diese vier Dinge haben Ende der neunziger Jahre die Welt wieder flach gemacht.

          Mit unübersehbaren politischen, ökonomischen und sozialen Folgen.

          Zunächst hat das Individuum an Macht gewonnen. Sie können jetzt als Einzelner ihren Inhalt weltweit anbieten, also globalisieren. Das bringt allerhand Unruhe mit sich. Vor allem ist es eine Bedrohung für alte Hierarchien, von den Bloggern, die die etablierten Medien bedrohen, bis zum Unternehmer, der mit wenigen Mitarbeitern eine große Firma in Bedrängnis bringen kann.

          Und wie macht sich dabei bemerkbar, was in Ihrem Buch „Triple Conversion“, dreifache Verwandlung, heißt?

          Darunter verstehe ich den Augenblick, in dem die Welt wirklich flach wurde. Das war, als Sie eines Morgens aufwachten und dachten: Ich bin in Kontakt mit Leuten, mit denen ich nie in Kontakt stand, und diese Leute empfinden es genauso. Was Sie damals fühlten, war Wandlungsstufe eins, so um das Jahr 2000. Um der neuen Plattform gerecht zu werden, haben wir unsere Verwaltungssysteme von „Befehlen und Kontrollieren“ auf „Verknüpfen und Zusammenarbeiten“ umgestellt. Das war die zweite Verwandlung, und die dritte fand statt, als drei Milliarden Menschen, die bisher keinen Zugang hatten, Chinesen, Inder und ehemalige Sowjetbürger, auf die Plattform traten.

          Das klingt vielversprechend, zumal für freie Individuen, aber verschieben sich dabei nicht auch gefährlich die Kräfte von Politik und Kommerz?

          Die Welt, wie ich sie heute verstehe, wird durch die Wechselwirkung von Politik und Kultur auf der einen Seite und Handel und Finanzen auf der anderen geprägt. Manchmal triumphieren Politik und Kultur über Handel und Finanzen, manchmal ist es umgekehrt. Ich behaupte jedenfalls nicht, daß der Kommerz immer als Gewinner hervorgeht. Es ist eher so, daß Politik nicht immer gewinnt.

          Gemeinsam mit der Globalisierung scheinen aber auch ihre Gegenkräfte zu wachsen. Sind nicht die ethnischen und religiösen Konflikte unserer Tage dazu angetan, das zukunftsfrohe Globalisierungskonzept in Frage zu stellen?

          In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel über die „unflache Welt“, und dort nenne ich den Nahen Osten den unflachsten Teil der ganzen Welt. Wenn solche Kräfte Amok laufen, kann der Globalisierungsexpreß entgleisen. Aber der dominierende Trend in der heutigen Welt beruht auf Kräften, die die neuen Technologien verschmelzen und verbreiten.

          Sie scheinen für China und Indien eine glänzende Zukunft vorauszusagen.

          Wenn die Welt flach ist und jeder denselben Zugang zu denselben Werkzeugen hat, wie unterscheidet sich dann Deutschland noch von Frankreich, Frankreich von Amerika? Wenn alles überall verfügbar ist, spielen nur noch drei Dinge eine Rolle: Ausbildung, Talent und - Strebsamkeit.

          Wird die Welt also künftig von Peking und Neu-Delhi aus gesteuert?

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