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Ingrid Müller-Münch: „Die geprügelte Generation“ : Entweder du parierst, oder es setzt was

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Deutschland, einig Rohrstockland: Ingrid Müller-Münch sucht Antworten auf die Frage, warum Generationen von Kindern geprügelt wurden - und wohin das geführt hat.

          Warum nur haben Eltern ihren Kindern das angetan? Wie konnte es so weit kommen und dann so lange so bleiben, dass „viele der heute über Fünfzigjährigen geradezu Experten in Sachen ,Elterngewalt’ sind“? Das ist die zwingende Ausgangsfrage, wenn man wie die Journalistin Ingrid Müller-Münch ergründen will, warum es in Deutschland bis zum 8. November 2000 dauerte, dass der Bundestag beschloss: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Notabene: Deutschland zählt damit zum exklusiven Kreis von sechzehn Ländern weltweit, die ein solches Gesetz haben. Es hatte allerdings auch auf diesem unehrenhaften Feld einiges wiedergutzumachen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Kopfnuss, Rute, Rohrstock, Lederriemen, Teppichklopfer. Es beginnt mit Fallbeispielen aus allen Schichten. Geprügelt wurde im Arbeitermilieu ebenso wie im Beamten- und Pastorenhaus und in der Direktorenvilla. Wenn es der Vater nicht tat, erledigte es die Mutter, manchmal der älteste Sohn. Das Jugendamt schaute häufig weg, die Nachbarn sowieso. Die Erzählungen sind, wie sie sind - schrecklich normal, erwartbar schrecklich. Erst wenn die Kinder alt und stark genug sind, dagegenzuhalten, zurückzuschlagen oder zu fliehen, hört es auf.

          Viele verteidigen dennoch ihr Elternhaus, und war es noch so schlecht, weil sie gern Halt in dieser Familie gehabt hätten. Viele sind fürs Leben gezeichnet, haben mit Eltern und Geschwistern, die entweder auch Opfer oder Zuseher waren, gebrochen - oder einen labilen Frieden geschlossen. Es gibt keine Patentrezepte zur Aussöhnung.

          Denn sie wussten nicht, was sie taten?

          Bis vor vierzig Jahren galt körperliche Züchtigung - wie seit Jahrhunderten - als der Normalfall, nicht die Ausnahme. Gewiss haben nationalsozialistisches Erziehungsideal und Kriegsjahre das Elend verlängert. Die braune Pädagogin Johanna Haarer („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ - das „deutsche“ wurde nach 1945 aus dem Titel gestrichen) wirkte mit ihren Büchern über 1968 hinaus bis in die achtziger Jahre hinein. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Zeichen auf Wiederaufbau und sozialen Aufstieg.

          Viele Eltern, urteilt die Autorin, hätten in jener Zeit nicht wahrgenommen, was sie ihren Kindern antaten; später wollten sie nichts mehr davon wissen - sei es, dass sie ihr Verhalten tatsächlich vergaßen; sei es, dass sie nicht daran dachten, sich dafür zu rechtfertigen, und lieber Geschichtsklitterung betrieben. Das sollen wir getan haben? Unverschämt!

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          Zur körperlichen Züchtigung kommt die seelische Grausamkeit. Das Schüren von Erwartungsangst - das schnalzende Geräusch des Ledergürtels, die Schmerzen sind weniger schlimm als das stundenlange Warten auf die Bestrafung. Warte nur, bis Papa kommt. Wenn also wieder einmal einer gönnerhaft faselt, ein Klaps habe habe noch keinem geschadet, lernt man hier den Gegengift-Satz: „Was wissen Sie denn, was für ein bezaubernder Mensch aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie nicht geschlagen worden wären?“

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