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Priorität des Umweltschutzes? : Eingerichtet im Wohlfahrtskapitalismus

  • -Aktualisiert am

Windräder in einem Windpark stehen mangels Wind still. Bild: dpa

Dulden wir Umweltschutz wirklich nur, wenn er unserem Wohlstand nicht schadet? Wiener Wissenschaftler gehen der Frage nach, warum nachhaltiges Wirtschaften auf sich warten lässt.

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          Vor einigen Jahren publizierte Ingolfur Blühdorn seine hernach vieldiskutierten Thesen zur „simulativen Demokratie“. In einer Zeit, in der demokratische Werte und Normen den Bürgern ebenso normativ selbstverständlich wie alltagspraktisch lästig geworden seien, bedienten die politischen Institutionen – so Blühdorns zentrales Argument – erfolgreich das gesellschaftlich herrschende Bedürfnis nach Marktkonformität. Nach Art einer stillen Übereinkunft hätten sich beide Seiten darauf geeinigt, dass demokratische Partizipation im Kern die Möglichkeit allgemeiner Teilhabe an der ungeheuren Warensammlung der Konsumgesellschaft bedeute. Mit der so verstandenen postdemokratischen Wende der Demokratie könnten letztlich beide, Eliten wie Massen, gut leben: In konsumistischer Selbstbestimmung sich ergehend, sehe die Bürgerschaft großzügig davon ab, den von ihr ernannten Entscheidungsträgern ins politisch-administrative Handwerk zu pfuschen – die ihr dies wiederum mit der Sicherstellung fortgesetzter materieller Wohlstandsproduktion dankten.

          Mit dieser Deutung der seinerzeit in den Sozialwissenschaften wie auch im gehobenen Feuilleton breit diskutierten und problematisierten „Postdemokratie“ machte sich Blühdorn keineswegs nur Freunde: Sah er diese doch nicht als bloße Strategie derer „da oben“ zur Entmündigung der Leute, sondern als ein Spiel, zu dem immer zwei gehören, nämlich auch Bürger und Bürgerinnen, die sich – demokratietheoretisch eine Horrorvision – selbst aus der Verpflichtung zur Mündigkeit zu befreien suchten. An der Quelle der vielbeschworenen Krise der Demokratie in den westlichen Wohlfahrtskapitalismen liege eine „Emanzipation zweiter Ordnung“, die Emanzipation großer gesellschaftlicher Mehrheiten von klassisch-demokratischen Emanzipationsansprüchen.

          Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

          Genau diese Idee nimmt das Buch, das Blühdorn nun gemeinsam mit Mitarbeitern des von ihm an der Wirtschaftsuniversität Wien geleiteten Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit vorlegt, wieder auf und schreibt sie fort. Als gemeinsamer Bezugspunkt der neun Kapitel dieser intellektuell anregenden, durch das ungewöhnliche Konstruktionsprinzip allerdings auch einige Redundanz aufweisenden Kollektivmonographie fungiert jene Politik der Nicht-Nachhaltigkeit, die der Hauptautor schon im Vorgängerwerk scharfsinnig beschrieben hatte: die These also, dass auch die allseits beschworene „Nachhaltigkeit“, bis zur Corona-Krise das buzzword des politischen Diskurses schlechthin, nicht mehr als eine konzertierte Simulation sei. Die wechselseitige Versicherung von Regierung, Unternehmen und Konsumenten, dass Nachhaltigkeit oberste Priorität habe beziehungsweise haben müsse, verdecke letztlich nur den unausgesprochenen Konsens, dass Umweltschutz so lange geduldet werde, wie er Wirtschaftswachstum und Lebensstandard nicht bedrohe. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass: So lautet das Motto jenes demokratisch-kapitalistischen greenwashing, das die Grünen in naher Zukunft in die Bundesregierung, wenn nicht gar an deren Spitze, spülen dürfte.

          I. Blühdorn, F. Butzlaff, M. Deflorian, D. Hausknost, M. Mock: „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 334 S., geb., 19,90 €.
          I. Blühdorn, F. Butzlaff, M. Deflorian, D. Hausknost, M. Mock: „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 334 S., geb., 19,90 €. : Bild: Transcript Verlag

          Auf die Frage, warum die ökologische Transformation ihrer ständigen Ankündigung und Behauptung zum Trotz denn faktisch ausbleibt, suchen (und finden) die Autoren und die Autorin Antworten nicht nur auf der Ebene von Staatsorganisation, Parteien, sozialen Bewegungen, Alltagspraktiken und Wertewandel. Vielmehr trägt dem Autorenteam zufolge auch die Wissenschaft Verantwortung dafür, dass die spätmoderne Gesellschaft sich in der „Endlosschleife“ einer nie eintretenden Nachhaltigkeitswende verfangen hat. Nicht zuletzt ihre immer wieder neu aufgelegten, bis zur Realitätsverleugnung enttäuschungsresistenten Hoffnungserzählungen von einer wahlweise unmittelbar bevorstehenden, bereits begonnenen oder gar unaufhaltsam voranschreitenden Transformation seien es, die maßgeblich zu deren nachhaltigen Ausbleiben beitrügen.

          Diese „metakritische“ Beobachtung ist sicherlich nicht ganz ohne Fundament, aber doch auch ungerecht beziehungsweise allzu grobschlächtig, insofern sie äußerst heterogene Positionen (die zudem auch nicht systematisch unterschieden werden) in einen Sack steckt. Womöglich noch bedeutsamer für die Argumentation des Bandes, in seiner Zuspitzung aber mindestens ebenso fraglich, ist die Behauptung eines in den letzten drei, vier Jahrzehnten vollzogenen, fundamentalen „Paradigmenwechsels“: Während im klassisch-modernen Demokratieverständnis Freiheit und Selbstbestimmung immer in den Grenzen von Vernunft und Verantwortung gedacht worden seien, emanzipierten sich die heute dominanten Autonomievorstellungen von ihren vormaligen Selbstbegrenzungen, wende sich der spätmoderne Konsumbürger gegen das „protestantisch-bürgerlich-ökologische Vernunftsubjekt“ der Früh- und Hochmoderne.

          Abgesehen davon, dass diese Argumentation bisweilen dem Duktus kulturkonservativer Kritiken eines vermeintlich hedonistischen Selbstverwirklichungskults der Post-68er folgt, ist es ganz fraglich, wann und wo es – außerhalb des sehr harten Kerns der frühen Alternativbewegung – besagtes Vernunftsubjekt denn historisch gegeben haben soll. Insbesondere Blühdorn selbst ist hier der gängigen Postdemokratie-These, die er vom Kopf auf die Füße stellen möchte, letztlich näher, als ihm lieb sein dürfte. Er trägt auf seine Weise zum auch ansonsten beliebten Bild einer – diesmal aufgrund ihrer ökologisch wertvollen „bürgerlichen Vernunft“ – besseren Vergangenheit bei. Interessanterweise widerspricht ihm darin gerade einer seiner Mitautoren, Daniel Hausknost, der in seinem auch ansonsten sehr lesenswerten Beitrag überzeugend darauf verweist, dass das bürgerliche Emanzipationsprogramm von Anfang an ein Projekt materieller und energetischer Expansion war, die selbstverständliche Vernutzung von Natur mithin untrennbar mit dem Lebensgefühl der Moderne verbunden ist.

          Derartige Dissense im Wiener Autorenkollektiv hätte man gerne offen ausgetragen gesehen – mit einer stärker dialogischen Konzeption wäre dem ungemein instruktiven Band gewiss noch mehr abzugewinnen gewesen. Und zwar einschließlich einer deutlicheren Positionierung in der Frage, was denn nun das eigentliche Anliegen einer Kritik nicht nur der Gesellschaft der Nicht-Nachhaltigkeit, sondern zugleich auch herkömmlicher Gesellschaftskritik ist. Unter dem Pflaster der hier bisweilen polemisch, zumeist aber luzide betriebenen Dekonstruktion sowohl der herrschenden Verhältnisse wie ihrer Kritik liegt nämlich, so steht zu vermuten, eine klassisch kritisch-theoretische Überzeugung: dass alles ganz anders nicht nur sein sollte, sondern auch könnte.

          I. Blühdorn, F. Butzlaff, M. Deflorian, D. Hausknost, M. Mock: „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 334 S., geb., 19,90 €.

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