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Ines Geipel: „Der Amok-Komplex“ : Amok kennt kein Erbarmen

Bild: verlag

Eine atemlose Reise ins Unheil der Gegenwart: Ines Geipel untersucht, warum junge Männer zu kalten Mördern werden.

          Dieses Buch ist mit einer Atemlosigkeit geschrieben, die einem jede Unterbrechung der Lektüre verbietet. Mit dem Ende des Vorworts beginnt eine Reise ins Unheil der Gegenwart, vollgepackt mit Recherchen und Einsichten, die einen bis zur letzten Seite bannen. Dies ist kein Sachbuch, es ist ein Fanal. Es sei ein „Buch an der Grenze“, schreibt Ines Geipel. Es handelt von denen, die alle zivilisatorischen Grenzen hinter sich lassen und töten. So viele Menschen wie möglich, ohne Erbarmen, minutiös geplant. „Amokläufe“ sind es nicht, es sind kalt vorbereitete und exekutierte Morde, hinter denen ein System steckt. Um dieses System ist es Ines Geipel in ihrem Buch zu tun.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Schon die Aufzählung macht deutlich, dass wir es mit einem endemischen Phänomen zu tun haben: Port Arthur, Columbine, Minnesota, Pennsylvania, Cleveland, Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Jokela, Utøya. Das Schulmassaker von Columbine, bei dem zwei Schüler im April 1999 an der Columbine High School dreizehn Menschen und dann sich selbst töteten, gibt das Muster vor. Sie hatten noch viel mehr Morde vor, so wie ihre Nachfolger auch. Liest man bei Ines Geipel nach, welches Arsenal die Täter bei den von ihr untersuchten Taten aufgefahren hatten, kommt man nicht umhin festzustellen, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Noch schlimmer? Noch schlimmer. Sogar Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 siebenundsiebzig Menschen tötete, die meisten waren Jugendliche, hatte noch „Größeres“ vor.

          Wurzellosigkeit und Gewalt

          Ines Geipel beginnt ihre Untersuchung mit einem Massenmord, der sich im April 1996 am anderen Ende der Welt ereignet. Martin Bryant, neunundzwanzig Jahre alt, erschießt in Port Arthur, Australien, binnen weniger Stunden fünfunddreißig Menschen. Sein Handeln ist von ebenjener unfassbaren Mitleidlosigkeit geprägt, wie sie auch die Taten der nach ihm mordenden jungen Männer auszeichnet. Einmal auf Autopilot geschaltet, gibt es kein Erbarmen, läuft es ab wie im Videospiel. Die da im Kugelhagel fallen und sterben, Erwachsene wie Kinder, Schüler, Lehrer, Polizisten, sind in den Augen der Täter keine Menschen mehr.

          In der Vita des Martin Bryant kulminiert, wie Ines Geipel herausarbeitet, eine über Generationen weitergegebene Geschichte der Wurzellosigkeit und der Gewalt. Bei Robert Steinhäuser, Sebastian Bosse und Tim Kretschmer, den Tätern von Erfurt, Emsdetten und Winnenden, finden wir dieselbe Verkapselung, den Gedanken der Rache, das Abtauchen in die Internetwelt der Ego-Shooter, die Gewöhnung an virtuelle Gewalt und den Zugang zu Waffen. Anzeichen für das Abdriften der jungen Männer lassen sich finden - im Nachhinein; vor der Tat sind die mitunter gar nicht so versteckten Hinweise den Familien und der näheren Umgebung entgangen oder wurden verdrängt.

          Ein Negationsprogramm im Innern

          Wie ohnmächtig die Reaktion, wie dilettantisch der Einsatz der Sicherheitskräfte in Erfurt war, zeigt Ines Geipel in der Zusammenschau des Polizeifunks. Das Dokument macht sprachlos. Wie jämmerlich die Politik reagierte, gerade den Angehörigen der Opfer gegenüber, wie sehr auf Vertuschung bedacht, arbeitet die Autorin minutiös heraus - sie bettet das scheinbar Unerklärliche in einen aktuell-politischen Zusammenhang. Für aufgeklärt halten kann man das Massaker, das sich am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ereignete und siebzehn Menschenleben forderte, nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr. Es drängt sich vielmehr, zehn Jahre danach, der Eindruck auf, dies müsse alles noch einmal untersucht werden.

          Manchmal überfordert die ehemalige Leistungssportlerin Ines Geipel, die an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin lehrt, ihre Leser mit einem Fakten-Stakkato. Auch erscheinen manche ihrer Verknüpfungen gewagt und sind mit Verschwörungstheorie überfrachtet. Doch wiederholt sie nicht den Fehler, den man ihrem 2004 erschienenen Buch, „Für heute reicht’s“, zum Massaker von Erfurt noch ankreiden konnte.

          Von einer „ungeordneten Ermittlungsakte“ war an dieser Stelle die Rede. Inzwischen hat Ines Geipel die Dinge geordnet. Die Täter seien in der Lage, „ihr Negationsprogramm im Innern zu halten und über den Anschlag hinaus zu verlängern“, schreibt sie. Dies wahrzunehmen könnte ein erster Schritt sein, vor solchen Taten nicht zu kapitulieren. Jungen Leuten den Zugang zu Waffen so schwer wie möglich zu machen wäre ein konkreter Anfang.

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