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: In zwölf Jahren elegant durchs Alphabet getrabt

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LONDON, im Oktober.Einer ganzen Reihe von viktorianischen Denkmälern ist in den letzten Jahren durch Restaurierung oder Umbau zu neuem Glanz verholfen worden - dem Albert Memorial etwa, den im Sinne des Prinzgemahls gegründeten Museen in South Kensington oder den alten Hafenanlagen, die vom Aufstieg und Niedergang des britischen Weltreiches zeugen.

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          LONDON, im Oktober.

          Einer ganzen Reihe von viktorianischen Denkmälern ist in den letzten Jahren durch Restaurierung oder Umbau zu neuem Glanz verholfen worden - dem Albert Memorial etwa, den im Sinne des Prinzgemahls gegründeten Museen in South Kensington oder den alten Hafenanlagen, die vom Aufstieg und Niedergang des britischen Weltreiches zeugen. Dazu gesellt sich nun auch die "Renovierung" einer der Glanzleistungen des neunzehnten Jahrhunderts: des "Dictionary of National Biography", das jetzt, rund hundert Jahre nach Abschluß der ersten Edition, in einer zweiten, überarbeiteten und erweiterten Auflage für das Internet-Zeitalter vorliegt.

          Die Statistiken sprechen für sich, und die britische Eigenheit drückt sich in den imperialen Maßen aus: sechzig blaue buckram-gebundene Bände der Oxford University Press, die 11 Fuß (3,35 Meter) im Regal in Anspruch nehmen, zwanzig Stone (rund 190 Kilo) wiegen, 7500 Pfund kosten (6500 Pfund bis Ende November) und mehr als fünfzigtausend Einträge über zweieinhalb Jahrtausende britischer Geschichte enthalten, darunter meisterhafte Essays, verfaßt von gut zehntausend Autoren aus aller Welt. Die Kosten beliefen sich auf 23 Millionen Pfund. 3,5 Millionen Pfund hat der Staat beigetragen, den Rest mußte die Oxford University Press aufbringen, ohne die geringste Hoffnung, die Ausgaben je wieder einzuspielen.

          Es ist ein gigantisches verlegerisches Unternehmen, das in zwölf Jahren vollbracht wurde, zunächst unter der inspirierten Herausgeberschaft des Gladstone-Spezialisten Colin Matthew, der 1999 im Alter von 58 Jahren starb. Den Endspurt hat Brian Harrison, in Oxford ansässiger Historiker des neunzehnten Jahrhunderts, beaufsichtigt, der den Stab nun weiterreicht an Lawrence Goldman, Dozent für neuere Geschichte in Oxford. Er wird verantwortlich sein für die Zusatzbände und die ständige Aktualisierung der Internetausgabe.

          Wie die Ingenieursbauten Isambard Kingdom Brunels, die Weltausstellung von 1851 oder Macaulays folgenreiches Memorandum über die indische Ausbildung verkörperte die erste britische Nationalbiographie den Machbarkeitswahn der Epoche. In der Fülle der Viten illustrer, notorischer, skurriler oder bezeichnender Personen des britischen Lebens spiegelte sich auch die mit der Aufklärung beginnende enzyklopädische Leidenschaft einer Zeit, die noch glaubte, das gesamte Wissen der Menschheit zwischen zwei Buchdeckeln festhalten zu können. Auch die Philanthropie des Verlegers George Smith ist charakteristisch für die damalige Einstellung. Sein Autorenkatalog liest sich mit Namen wie Thackeray, Hardy, Brontë, Browning und Ruskin wie ein Who's who der viktorianischen Literatur. Sein Vermögen verdankte er vor allem dem Erwerb der Apollinaris Company, die das Mineralwasser aus Bad Neuenahr-Ahrweiler importierte. Diese Anlage brachte ihm in weniger als zwanzig Jahren den fürstlichen Gewinn von 1,5 Millionen Pfund ein. Unternehmertum, das Streben nach herausragender literarischer Qualität und ein soziales Verantwortungsbewußtsein gaben Smith den Antrieb für das Mammutwerk, das sein größtes Vermächtnis ist. "Mir gefällt der Gedanke, daß ein Privatmensch eine wirklich nationale Aufgabe übernimmt, die außerhalb Englands nur mit staatlichen Mitteln möglich ist", gestand er. Seine Witwe übertrug die Biographie auf die Universität Oxford, deren University Press seither dafür verantwortlich ist.

          Dem Gründer schwebte ursprünglich eine universale Biographie nach dem französischen Vorbild vor. Doch konnte ihm Leslie Stephen, der Vater Virginia Woolfs, den Smith zum Herausgeber ernannt hatte, diesen Höhenflug ausreden.

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