https://www.faz.net/-gr3-a1djs

Buch von Paul Scraton : Und oben kreist der Rotmilan

  • -Aktualisiert am

Fern ist schon die Stadt, und nur der Titel, den Paul Scraton seiner Fotografie hinzugefügt hat, gibt einen Wink: „Caravan of Love“. Bild: Matthes & Seitz Verlag

In Tagesmärschen die Peripherie entlang: Der englische Autor Paul Scraton erkundet zu Fuß das Berliner Umland und beweist großes Gespür für Stimmungen und Skurrilitäten.

          3 Min.

          Die Zentren unserer Städte, so hat Roland Barthes vor einem halben Jahrhundert geschrieben, seien „durch Fülle gekennzeichnet“. In ihnen sammeln und verdichten sich die Werte der Zivilisation – das Geld mit den Banken, die Ware mit den Kaufhäusern, die Spiritualität mit den Kirchen. „Ins Zentrum gehen heißt, die soziale ‚Wahrheit‘ treffen, heißt an der großartigen Fülle der ‚Realität‘ teilhaben.“ Zur Wirklichkeit der Städte gehören aber auch ihre Ränder, die Peripherie, an der die urbane Dichte zerfranst und sich mit der Topographie des Umlands vermischt.

          Neben Architekten und Stadtplanern haben immer wieder auch Schriftsteller diese Zwischenorte aufgesucht, Peter Handke etwa, der einige seiner Erzählungen in der „Niemandsbucht“ am Rand von Paris ansiedelt, oder Marcel Beyer, dessen Erzähler es einmal aus der Mitte Dresdens in eine Plattenbausiedlung verschlägt, wo neben Altglascontainern ausrangierte Polstermöbel unter freiem Himmel stehen.

          Wo Rentiere den Flusslauf überquerten

          Am Beispiel Berlins hat sich nun der englische Sachbuchautor und Schriftsteller Paul Scraton dieser urbanen Randzonen angenommen. Es ist ein Vergnügen, in einem Berlin-Buch einmal nichts vom Puls der Zeit und den trendbewussten Bewohnern dieser Stadt zu lesen, sondern vom Leben an ihren Rändern – von den Straßendörfern im Norden, den Bewohnern der Großsiedlung Gropiusstadt, von Datschengärten mit Badewannen und ausgeschlachteten Motorrädern. In zehn Kapiteln berichtet der Autor von seinen Tagesreisen, beginnend an einem Januartag an der Uferpromenade des Tegeler Sees über Ahrensfelde, Köpenick, Wannsee und Spandau bis an den Ausgangspunkt zurück.

          Paul Scraton: „Am Rand“. Um ganz Berlin.
          Paul Scraton: „Am Rand“. Um ganz Berlin. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Seit im neunzehnten Jahrhundert die Eisenbahn und später S- und U-Bahn das Berliner Umland erschlossen, hat die Stadt sich kontinuierlich ausgedehnt und ehemals eigenständige Gemeinden in sich aufgenommen. Scraton trifft noch heute auf Wohnkomplexe, die auf Google Maps nicht verzeichnet sind. Ihre Bewohner haben in den Gärten Trampoline und Schaukeln aufgestellt, und man ahnt, dass ihnen das Leben im Zentrum der Stadt genauso randständig und fern erscheinen muss wie umgekehrt den Innenstadtbewohnern die Peripherie.

          Eine Hommage an das Gehen

          Auch scheint es, als vergehe die Zeit an den Rändern langsamer, wenn Scraton etwa die Vorstadtgärten am Tegeler Fließ beschreibt und daran erinnert, dass vor elftausend Jahren hier zweimal im Jahr Rentiere den Flusslauf überquerten. In den gängigen Reiseführern kommen diese Orte nicht vor. Scraton gelingt es, Aufmerksamkeit für solche vermeintlichen Leerstellen zu erzeugen. In Marzahn entziffert er den stummen Dialog, den zwei Graffiti-Sprayer auf einer Wasserrohrleitung entlang des Flüsschens Wuhle miteinander geführt haben, in Lichterfelde führt sein Weg an einem kegelförmigen Hügel vorbei, von dem aus Otto Lilienthal seine ersten Flugversuche unternommen hat.

          In Tegel stößt Scraton an einem Waldsaum auf eine ausrangierte Boeing 707, jene vor fünfzig Jahren von der palästinensischen Volksfront entführte Maschine, die heute am Rande des Flugfelds sich selbst überlassen ist. Zu seinen Begleitern gehören immer wieder die Tiere der Stadt, ein Fuchs, der in Hohenschönhausen seinen Weg kreuzt, Scharen von Nebelkrähen, Schafe, Hühner und ein Rotmilan, der einsam über der ehemaligen Sektorengrenze kreist.

          Trampelpfade, Bahntrassen, Waldränder

          Scratons Buch ist nicht zuletzt eine Hommage an das Gehen. „Ich hegte auf meinen Spaziergängen um Berlin herum allmählich den Verdacht, dass die Menschen, die die Entwicklungen am Stadtrand am besten verstehen, diejenigen sind, die mit ihren Hunden Gassi gehen.“ Der Autor weiß, dass man zu Fuß unterwegs sein muss, wenn man die unmerklichen Übergänge im Erscheinungsbild einer Stadt oder auch nur die Nuancen des Wetters im Verlauf eines Tages erfassen will. Das Gehen, schreibt er, „macht aus dem Spaziergänger ein Politikum, vor allem an den Orten wie den Zufahrtsstraßen zu Flughäfen, an denen es keine Fußwege gibt, oder den ehemals öffentlichen Orten, die privatisiert wurden“.

          So führt der Weg des Autors über Trampelpfade, an Bahntrassen und Waldrändern entlang, in Gebiete, in die man ausgelagert hat, wofür es im Zentrum keinen Platz gibt. „Wollen Sie ein Sofa kaufen?“, fragt den Autor einmal ein Unbekannter im Brachland unweit eines Einkaufszentrums und weist ihm freundlich den Weg in das nahe gelegene Waltersdorf.

          Der Text flacht nur dort gelegentlich ab, wo der Autor vom aufmerksamen Schauen und Beschreiben abkommt und in ein allgemeines Räsonieren gerät oder historisches Lexikonwissen referiert. Aber rasch findet er zu seinen Beobachtungen zurück und beweist ein besonderes Gespür für die Peripherie als Schauplatz unerwarteter Brüche und Vermischungen: In Marienfelde findet er sich unweit eines Gewerbegebiets mit Automatenspielcasino plötzlich auf einer kopfsteingepflasterten Dorfstraße wieder. „Ein Traktor rollte aus der Einfahrt eines Hofes heraus. Wo war das Feld, zu dem er unterwegs war?“ Versehen mit Fotografien des Autors und in der klaren Übersetzung von Ulrike Kretschmer macht dieses Buch Lust, sich aufzumachen und an die Ränder zu gehen, ganz gleich, in welcher Stadt man zu Hause ist.

          Paul Scraton: „Am Rand“. Um ganz Berlin. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2020. 208 S., geb., 22,– €. 

          Weitere Themen

          Ein ermächtigendes Gefühl

          Bullingdon-Club-Foto : Ein ermächtigendes Gefühl

          Die britische Elite von morgen: 1987 posierten Studenten vor dem Bullingdon Club in Oxford, unter ihnen James Cameron und Boris Johnson. Jetzt haben schwarze Studenten das berühmte Foto nachgestellt.

          Gewagte Mischungen in der Oper

          „New Dark Age“ in London : Gewagte Mischungen in der Oper

          Endlich wieder live in der Covent-Garden-Oper: Zwei Abende bündeln Altes und Neues unter dem Titel „New Dark Age“. Der Operndirektor sieht eine aufregende Chance in der neuen Situation.

          Topmeldungen

          Zum Tod von Thomas Oppermann : Ein beherzter Streiter für die Demokratie

          Kämpfend stemmte sich Thomas Oppermann dem Niedergang der SPD entgegen. Er war ein pointierter Redner, erfahrener Jurist und gehörte zu den energischen Taktgebern seiner Partei. Doch die erfüllte seinen Wunsch nach einem Ministeramt nicht.
          Norbert Röttgen, Friedrich Merz und Armin Laschet bei einer virtuellen Debatte der Jungen Union am 17. Oktober.

          CDU-Parteitag : Warten auf den Vierten?

          Die Verschiebung des CDU-Parteitags verschiebt auch die Perspektiven der Bewerber um den Parteivorsitz. Wirklich gestärkt hat sie aber keinen der drei. Aber vielleicht einen Vierten.

          Die Karrierefrage : Wie meistere ich die Krise?

          Resilienz ist das neue Karriere-Zauberwort, gerade jetzt in Pandemie-Zeiten. Die gute Nachricht: Seelische Widerstandskraft lässt sich lernen.
          Turbinenläufer im Gasturbinenwerk von Siemens Energy

          Steuertipp : Aktien von Siemens Energy verkaufen

          Ob die Aktie von Siemens Energy eine gute Anlage ist, muss jeder selbst wissen. Aus steuerlicher Sicht lohnt sich der Verkauf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.