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: In hohen und höchsten Rängen

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Gab es wirklich jüdische Soldaten in Hitlers Armeen - wo doch die politische Führung des Reiches ab 1941 alle Juden im deutschen Machtbereich auszurotten suchte und Millionen ermordet wurden? Hinter dem plakativen Titel des Buches verbirgt sich die Untersuchung eines wenig bekannten Kapitels der nationalsozialistischen ...

          Gab es wirklich jüdische Soldaten in Hitlers Armeen - wo doch die politische Führung des Reiches ab 1941 alle Juden im deutschen Machtbereich auszurotten suchte und Millionen ermordet wurden? Hinter dem plakativen Titel des Buches verbirgt sich die Untersuchung eines wenig bekannten Kapitels der nationalsozialistischen Rassenpolitik: das Schicksal der "Mischlinge", wie das Unwort lautete, also der Deutschen mit einem jüdischen Elternteil ("Halbjuden") oder Großelternteil ("Vierteljuden"). Es handelt sich um eine Personengruppe von erheblichem Umfang, denn die deutschen Juden waren vor 1933 "ein hochintegrierter Teil der deutschen Gesellschaft", wie Eberhard Jäckel im Geleitwort zur Studie des amerikanischen Historikers Rigg formuliert.

          Zehntausende Juden waren seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer der christlichen Konfessionen konvertiert und weitere Zehntausende die Ehe mit einem nichtjüdischen Partner eingegangen. Solche "Mischehen" kamen häufiger in adligen und bürgerlichen Kreisen als im bäuerlichen und Arbeitermilieu zustande. Allein zwischen 1901 und 1929 wurden in Deutschland über 36 000 Mischehen geschlossen; um 1930 heiratete fast die Hälfte der deutschen Juden, die eine Ehe eingingen, einen nichtjüdischen Partner. Schon 1911 hatte ein jüdischer Demograph sarkastisch bemerkt, wegen Übertritten, Mischehen und Dissidenten werde es bis zum Jahr 2000 in Deutschland keine Juden mehr geben.

          Tatsächlich war nicht nur der Übertritt zum Christentum, sondern auch das Eingehen einer Mischehe fast immer mit einer Abkehr vom Judentum verbunden. Die meisten fühlten sich als hundertprozentige Deutsche, manche waren sogar antisemitisch eingestellt, und viele wußten nicht einmal von ihrem jüdischen Erbe. Doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, trat eine einschneidende Veränderung ein: Jetzt wurde die Religionszugehörigkeit der Großeltern zum entscheidenden Kriterium. Nur wer vier christliche Großeltern nachweisen konnte, galt als "arisch" und war damit vollberechtigter Staatsbürger. Wie viele "Mischlinge" es in Deutschland - und seit 1938 im Großdeutschen Reich - gab, ist nicht exakt feststellbar. Schätzungen belaufen sich auf zwei bis drei Millionen. Die Zahl der wehrpflichtigen "Halbjuden" und "Vierteljuden" beziffert Rigg auf rund 150 000. Mit ihnen befaßt er sich in seiner Untersuchung.

          Rigg kann insgesamt 1671 Fälle dokumentieren. Mit 430 "Mischlingen", die in der Wehrmacht Dienst taten, hat er zwischen 1994 und 1998 Interviews geführt; sein prominentester Interviewpartner war der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (wegen seines jüdischen Großvaters ein "Vierteljude"). Gestützt auf diese Interviews, eine Vielzahl archivalischer Quellen und die einschlägige Literatur, zeichnet Rigg ein klar konturiertes Bild vom Umgang der Machthaber mit den Soldaten teilweise jüdischer Abkunft, von denen nicht wenige in hohe und höchste Offiziersränge aufstiegen; viele erhielten hohe Kriegsauszeichnungen.

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