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: In die Wachsplatte gegraben

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"Manche freilich müssen drunten sterben ..." Wenige Verse des jungen Hugo von Hofmannsthal sind so bekannt geworden wie diese. "Schicksalslied" überschrieb sie später Rudolf Borchardt, ohne zu entscheiden, wie der Schluß zu lesen sei: "Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens / Schlanke Flamme oder schmale Leier".

          "Manche freilich müssen drunten sterben ..." Wenige Verse des jungen Hugo von Hofmannsthal sind so bekannt geworden wie diese. "Schicksalslied" überschrieb sie später Rudolf Borchardt, ohne zu entscheiden, wie der Schluß zu lesen sei: "Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens / Schlanke Flamme oder schmale Leier". Klingt das eher nach prophetischer Verkündigung (Wolfgang Kayser) oder diesseitiger Verantwortung und Beschränkung (Reinhold Grimm)? Wenn man jetzt lauscht, in welch hohem Ton der Dichter am 22. April 1907 seine Verse in den Schalltrichter eines Edison-Phonographen sang und damit in eine Wachsplatte grub, mag man sich an die Deutungskontroverse erinnern. Das unverhoffte Stimmporträt aus dem Wiener Phonogrammarchiv liegt dem jüngsten "Hofmannsthal-Jahrbuch" als CD bei. Mit der Extragabe feiert ein Periodikum seinen zehnten Geburtstag, das mit gleichbleibender Qualität eine Führungsposition in der Forschung zur literarischen Moderne eingenommen hat.

          Doch das Tondokument ist kein Selbstzweck. Es ergänzt einen längeren Beitrag von Heinz Hiebler über Hofmannsthal und die Medienkultur. Eine Mischung aus Skepsis und Neugierde kennzeichnet Hofmannsthals Verhältnis zu den technischen Errungenschaften, die während seines Lebens aufkamen. Das Telefon als "indiskrete Maschine" verabscheut "Der Schwierige" so sehr wie sein Autor, der indes gleich 1901 als dritter "Abonnent" in Rodaun eingetragen ist. Die Genauigkeit fotografischer Bilder setzt diese noch weiter als die zerfallenden Worte hinter jene im "Chandos-Brief" geahnte höhere Sprache zurück, "in welcher die stummen Dinge sprechen". Gleichwohl faszinieren den passionierten Fotografen Hofmannsthal die neuen Reproduktionsmöglichkeiten: Wenn seine Pantomime "Das fremde Mädchen" und später "Der Rosenkavalier" als Filme erscheinen oder er selbst im Radio liest, erhält der emphatisch geforderte "eigene Ton" der Poesie eine ganz neue Auslegung.

          Wie alle vorangehenden Bände ist auch dieser Jahrgang nicht allein Hofmannsthal gewidmet. So verdeutlicht etwa Caroline Pross den Einfluß der zeitgenössischen Menschenkunde auf Schnitzlers "Reigen". Diese sozial aufund niedersteigende Folge von zehn Begegnungen, die alle auf den sexuellen Akt zielen, läßt sich als eine statistisch experimentelle Studienreihe verstehen, die den "mittleren Menschen" aus Fallbeschreibungen ableitet. Wie der Mediziner Schnitzler sich aus einer Reihe von Beobachtungen allgemeine "anthropologische Aufschlüsse" verspricht, so deckt der Dramatiker hinter seinen auf Individualität beharrenden Figuren eine Grundkonstante des Allzumenschlichen auf. Ohne mathematische "Normalverteilung" kann man sie freilich schon in Hogarths Bilderfolge "Before and After" beobachten.

          Eine andere Verbindung zwischen Wirklichkeit und Dichtung, Faktum und Figur stellt Isak Winkel Holm mit Blick auf Kafkas Rede von einer "Verkörperlichung der Symbole" her. Dabei geht es um wörtlich genommene Metaphern, etwa in der brieflichen Klage, "nicht genug Lungenkraft" zu haben, "der Welt die Mannigfaltigkeit für mich einzublasen". Wie viele Bilder Kafkas changiert diese Aussage zwischen dem Ernst der Wirklichkeit und der übertragenen Leichtigkeit der Literatur, hier zwischen dem wörtlichen Bezug auf die aktuell erkrankte Lunge (Pneumon) und dem auf den versiegenden künstlerischen Geist (Pneuma). Die kafkaeske Fatalität, ein metaphorisches Wort beim Wort zu nehmen, wird aber nirgends deutlicher als in der "Verwandlung": "Die Reisenden sind wie Wanzen", zitiert Adorno eine Redensart, die für Gregor Samsa zum Verhängnis wird, seit er ein Käfer zu sein glaubt.

          Die drei Beispiele zur historischen Medienwissenschaft, Anthropologiegeschichte und Poetik der Klassischen Moderne flankieren Aufsätze über angrenzende Epochen, etwa zum Virtuoso im neunzehnten Jahrhundert oder zu Peter Handke. Darüber hinaus findet man wie in den früheren Bänden philologische Entdeckungen und Textmitteilungen sowie die aktuelle Hofmannsthal-Bibliographie. Das methodisch wie thematisch breite Spektrum ruht bei diesem Jahrbuch auf der Grundlage sorgfältiger Herausgabe und gediegener Buchgestaltung. Zum Zehnjährigen darf man da solide Fortführung wünschen.

          ALEXANDER KOSENINA.

          "Hofmannsthal-Jahrbuch. Zur europäischen Moderne 10 (2002)". Hrsg. von Gerhard Neumann, Ursula Renner, Günter Schnitzler, Gotthart Wunberg. Rombach Verlag, Freiburg 2002. 446 S., br., 65,50 [Euro].

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