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: In der Welt am Draht

  • Aktualisiert am

Am Beginn des Buchs stehen zwei Karten: rechts eine Ansicht des überwiegenden Teils von Bosnien-Hercegovina und dessen Grenze zu Serbien, links noch einmal vergrößert jener Zipfel, der sich, dem Verlauf der Drina folgend, rund um Srebrenica in den serbischen Staat hineinschiebt. Hier erreichte der jugoslawische Krieg seinen Höhepunkt.

          Am Beginn des Buchs stehen zwei Karten: rechts eine Ansicht des überwiegenden Teils von Bosnien-Hercegovina und dessen Grenze zu Serbien, links noch einmal vergrößert jener Zipfel, der sich, dem Verlauf der Drina folgend, rund um Srebrenica in den serbischen Staat hineinschiebt. Hier erreichte der jugoslawische Krieg seinen Höhepunkt. Das war am 11. Juli 1995, dem Tag des Einmarschs der serbischen Milizen in die von den Vereinten Nationen geschützte Sicherheitszone von Srebrenica, in die sich die muslimische Bevölkerung der Umgebung geflüchtet hatte. Heute schätzt man, dass in den Tagen danach etwa siebentausend Männer und Knaben ermordet wurden, das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen wurden unter dem Vorwand der Evakuierung auf Lastwagen verladen und in den umliegenden Dörfern und Wäldern erschossen. Die Suche nach Massengräbern und deren Exhumierung ist immer noch nicht abgeschlossen.

          Auf der rechten Karte stehen neben Sarajevo und Srebrenica die Namen, die seit Mitte der neunziger Jahre jeder kennt: Tuzla, Gorazde, Pale. Die auf der kleinen kennt man nicht: Potocari, Zeleni Jadar, Likari, Storesco. Sie stehen da als eingezeichnete Punkte, keine Straßen verbinden sie auf der Karte. Das ist konsequent, denn die muslimischen Einwohner schlugen sich auf Waldwegen und Bergpfaden durch das umkämpfte Gebiet; die Straßen waren in der Hand der Serben. Jeder Ort außerhalb der Schutzzone, der hier nachzulesen ist, war tagsüber isoliert. Nachts kehrten die vertriebenen Bewohner teilweise zurück, um nach zurückgebliebenen Verwandten zu schauen oder einige Habseligkeiten zu retten.

          Emir Suljagic wurde 1975 in Voljavica geboren, einem Dorf oberhalb der Drina, direkt gegenüber der serbischen Grenze. Gleich zu Beginn der Krieges, 1992, floh der Siebzehnjährige mit den Eltern und der Schwester. Zuerst ging es in die Berge, dann nach Srebrenica. Mutter und Schwester konnten später ausreisen, Emir Suljagic blieb in der Enklave und wurde später Dolmetscher bei der niederländischen Schutztruppe; sein Vater kehrte schon 1992 auf den eigenen Hof zurück und starb dort im Dezember. Wie, das steht nicht im Buch.

          Es heißt "Srebrenica - Notizen aus der Hölle". Der Untertitel ist plakativ, aber er gibt die Empfindungen eines jungen Mannes wieder, der dort drei Jahre unter serbischem Beschuss lebte, der dann knapp mit heiler Haut davonkam, weil er als Mitarbeiter der Vereinten Nationen besonderen Schutz genoss, der aber sehen musste, dass niemandem sonst von seinen Landsleuten die eigentlich durch die niederländischen Truppen garantierte Hilfe gewährt wurde. Über das Ende der Schutzzone weiß man genug; es ist sogar Gegenstand von Prozessen gegen die niederländische Regierung. Die Bilder, wie die holländischen Truppenführer mit dem serbischen General Mladic auf das Ende von Srebrenica anstoßen, haben sich eingebrannt. Aber was man nicht weiß, ist, wie es in der Enklave aussah. Wie dort gelebt wurde. Daran erinnert sich Suljagic.

          "Die ganze Stadt war von Drähten durchflochten, sie hingen von jedem Mast, jeder Straßenlampe, jedem Gebäude. Es war beinahe gefährlich, in der Stadt umherzugehen, besonders, wenn es regnete, windete oder schneite, weil sprühender Draht auf die Straße fiel." Das war 1994 während der Fußball-Weltmeisterschaft, und alle Bewohner von Srebrenica zapften die Stromleitungen an, um die Fernseher zu betreiben. Doch die Welt am Draht war auch nötig, um zu heizen, zu kochen, zu lesen, also einen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten, der mit jedem Granaten- oder Schrapnellbeschuss neu zusammenbrach. Das machte die Hölle für einen jungen Mann aus: in einer Stadt eingesperrt zu sein, in der das Leben jede Sekunde durch einen Zufallstreffer beendet werden konnte, ohne irgendeine Aussicht wegzulaufen.

          Suljagic berichtet von unfassbaren Ereignissen. Von einem Busfahrer, der mit dem eigenen Fahrzeug zu Tode gequetscht wurde, oder von einem Sohn, den die Häscher freiließen, während der Vater erschossen wurde. Aber Suljagic selbst war bei keinem der schrecklichen Morde, von denen er berichtet, dabei. Er hat Leute sterben sehen, in den Straßen von Srebrenica, aber die schlimmsten Geschichten stammen aus anderem Munde. Gerade solche Erzählungen jedoch, die sich jenseits von allem bewegten, was man sich in einem zivilisierten Land vorstellen kann, prägten das Leben in Srebrenica.

          Das Buch ist tatsächlich nicht mehr als eine Folge von Notizen, keine Chronik des Geschehens, kein objektiver Blick auf die Lage in der Enklave; es gibt nur die bedingungslos parteiische Perspektive des jungen Emir Suljagic, für den Srebrenica, wie Michael Martens, Südosteuropa-Korrespondent dieser Zeitung, es in seinem Nachwort formuliert, nie abstrakt werden kann. Alles, was Suljagic erzählt, ist höchst konkret. Er macht etwa keinen Hehl daraus, dass er in Naser Oric, einem vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Verteidiger Srebrenicas, nicht plötzlich einen Verbrecher sehen kann - auch wenn die eigenen Notizen allen Anlass dazu geben.

          Derzeit läuft in Den Haag nach einer Pause wieder der Prozess gegen Radovan Karadzic, nach dessen spektakulärer Festnahme vom vergangenen Jahr nun weitgehend ohne großes öffentliches Interesse. Doch was vor nicht einmal anderthalb Jahrzehnten in Bosnien geschehen ist, verdient größte Aufmerksamkeit, und das bedingungslos ehrliche Buch von Emir Suljagic sollte dazu beitragen, dass sie hergestellt wird.

          ANDREAS PLATTHAUS

          Emir Suljagic: "Srebrenica - Notizen aus der Hölle". Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2009. 239 S., 2 Karten, geb., 17,90 [Euro].

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