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: In der Quelle des Modeschöpfers badete einst Leonardo da Vinci

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Irgendwann hatte Pierre Cardin beschlossen, daß sein Name eine Marke werden möge und kein Etikett. Eine Vorgabe, die der 1922 geborene Modeschöpfer gleichsam als Begründer moderner Vertriebsstrategien in Form von weltweiten Lizenzprodukten perfekt zu erfüllen wußte. So perfekt, daß man sich heute ...

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          Irgendwann hatte Pierre Cardin beschlossen, daß sein Name eine Marke werden möge und kein Etikett. Eine Vorgabe, die der 1922 geborene Modeschöpfer gleichsam als Begründer moderner Vertriebsstrategien in Form von weltweiten Lizenzprodukten perfekt zu erfüllen wußte. So perfekt, daß man sich heute oft nicht sicher ist, für welches Gut der Name Cardin steht, denn außer Mode und Kosmetik gibt es kaum etwas, das nicht mit dem Namenszug des Couturiers versehen ist. Rund 900 Lizenzprodukte sind es in der Zwischenzeit, darunter Schreibwaren, Uhren, Porzellan, Fahrräder, auch Kuscheltiere wurden gesichtet. Das Maxim's de Paris, jenes Juwel des Art Nouveau, das Pierre Cardin seit 1981 sein eigen nennt, wurde zur Keimzelle eines weiteren Lizenzimperiums.

          Cardin absolvierte seine Lehrzeit bei drei bedeutenden Modehäusern: Jeanne Paquin, damals unter der Leitung von Antonio Castillo, Elsa Schiaparelli und Christian Dior. Erstere hatte einen Hang zu graphischen Formen und dramatischen Kontrasten von leuchtenden Farben und Schwarz und schaffte mit einem mobilen Couturesalon in den Vereinigten Staaten ein innovatives Vertriebssystem. Elsa Schiaparelli war bekannt für ihre Exzentrik und ihre surrealistischen Kreationen. Christian Dior verbindet man mit Luxus, perfekter Schnittführung und Paßform. Von allen dreien scheint bei Cardin Wesentliches in seine Arbeit eingeflossen zu sein, erste öffentliche Aufmerksamkeit gewann er jedoch als Ausstatter von Jean Cocteaus Filmen "La Belle et la Bête" (1946) und "Orphée" (1949).

          Den weiblichen Formen durch eine weiche Linienführung zu schmeicheln gehörte in den ersten Jahren zu Cardins Absichten, bald aber stand die plastische, ja architektonische Konstruktion im Vordergrund. Er verstand sich als Bildhauer. Die geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck, Quadrat und ihre dreidimensionalen Pendants wurden Mitte der fünfziger Jahre zum Vokabular der Entwürfe für die Haute Couture. In einem Gespräch sagte er, daß er nicht den Formen des Körpers folgen wollte, da dieser für ihn nichts Festes, vielmehr eine Flüssigkeit sei: "Wasser würde ja auch die Form der Vase annehmen."

          Cardin hatte vor der Masse keine Berührungsängste. Überzeugt davon, daß jede Frau ein Recht hätte, sich gut und modisch zu kleiden, brachte er 1959 eine erste Prêt-à-porter-Kollektion in die Kaufhäuser. Auch die ein Jahr darauf folgende Herrenlinie wurde ein durchschlagender Erfolg: weißes Hemd mit schwarzer Krawatte unter hellgrauen kragenlosen Sakkos mit dunklen Paspeln, dazu schwarze enge Hosen. Pierre Cardin hatte 1964 den Look der Beatles erfunden, und er war auch sonst, etwa als Ausstatter der Fernsehserie "Mit Schirm, Charme und Melone", in denen Patrick MacNee und Diana Rigg die Hauptrollen spielten, den Briten sehr zugetan. Und er ging ins französische Liedgut ein: Jacques Dutronc besingt in "Les Play Boys" die "Playboys von Profession", die in Pierre Cardin gekleidet seien.

          Elisabeth Längle hat ihren Text in Dekaden eingeteilt, sie hetzt von Sensation zu Sensation, eingebettet in das Weltgeschehen und ein wenig Lebensgefühl. Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, Pierre Cardin wäre ein hermetisches Planetensystem fernab des unseren. Cardin ist ein Visionär, der nicht nur den Weltraum-Look, sondern die Mode seit den sechziger Jahren mitgeprägt hat. Die unerwähnte Kollegenschaft aber war auch nicht untätig. Mary Quant hatte unter dem Label "Ginger Group" den Minirock couturefähig gemacht, ebenso wie André Courrèges, der als "Le Corbusier der Mode" ähnliche Ziele verfolgte wie sein Kollege Cardin. Auch er hatte sich architektonischen, skulpturalen Entwürfen verschrieben, und auch er wird heute mit einem Erscheinungsbild der Raumfahrer in Verbindung gebracht. Doch Cardin war durch seine Arbeit für die NASA, für die er Material testete, aber aus Kostengründen nicht entwarf oder produzierte, den himmlischen Sphären buchstäblich näher.

          Als Perfektionist verstand es Pierre Cardin nicht nur, wie sein Kollege Paco Rabanne, neue oder ausgefallene Materialien zu verarbeiten, er entwickelte auch neue Techniken, beispielsweise zum Prägen von Stoffen. Sosehr Cardin bei seinen Entwürfen ein Visionär geblieben ist, als Sammler von ausgefallenen Architekturen ist er ein Träumer. Seine Träume zu verwirklichen war ihm stets am wichtigsten. Neben dem Maxim's besitzt der gebürtige Venezianer noch "Le Palais Bulles", die Ansammlung von 25 bewohnbaren Kugeln des ungarischen Architekten Antti Lovag in Südfrankreich, das Schloß des Marquis de Sade, wo jährlich das von ihm gegründete Festival Lacoste stattfindet, und den Palazzo von Giacomo Casanova in Venedig. Um für sein Maxim's neben Champagner auch Wasser zu haben, hat der 83jährige bei Arezzo eine Quelle gekauft. Selbstredend war es Leonardo da Vinci, der in ihr einst gebadet hatte.

          DANIELA GREGORI

          Elisabeth Längle: "Pierre Cardin". Christian Brandstätter Verlag, Wien 2005. 160 S., Abb., geb., 36,- [Euro].

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