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Buch über Cambridge Analytica : In den Fängen der neuen Kolonialherren

  • -Aktualisiert am

Reumütiger Whistleblower: Christopher Wylie Bild: AFP

Teile und herrsche: Christopher Wylie beschreibt die Strategien seines früheren Arbeitgebers Cambridge Analytica und zeigt, wie verwundbar die Demokratie ist.

          4 Min.

          Christopher Wylie will, dass die Welt ihm vergibt. Der ehemalige Mitarbeiter der Firma Cambridge Analytica fühlt sich dafür verantwortlich, dass Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde und Großbritannien aus der Europäischen Union ausgetreten ist.

          Das bereits 2019 im englischen Original erschienene Buch zeichnet den Weg des jungen Kanadiers durch die Schattenwelt der Politikberatung nach. 2007 heuerte er bei der Liberalen Partei seines Heimatlandes an, um ihr beim Aufbau einer datenbankgestützten Wahlwerbestrategie – Stichwort: Microtargeting – nach amerikanischem Vorbild zu helfen. Abgeschreckt von den altbackenen Parteistrukturen wechselte Wylie schon bald nach Großbritannien und begann ein Jurastudium an der London School of Economics. Doch ganz mochte er von der Politik nicht lassen, über seine Kontakte landete er als Berater bei den Liberal Democrats. Auch dort wollte er die Wahlwerbung modernisieren. Die Passagen über seine Treffen mit den Parteimitgliedern in den Ortsgruppen der LibDems und seine Versuche, den wesentlichen Aspekten nachzuspüren, die eine liberale Partei einen, gehören zu den interessantesten im Buch.

          Christopher Wylie: „Mindf*ck“. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird.

          Im Jahr 2013 lernt Wylie Alexander Nix kennen, den Chef der Politikberatungsfirma SCL Elections, die beste Beziehungen zu Geheimdiensten pflegt und Wahlgänge in der Karibik oder in afrikanischen Staaten zu beeinflussen versucht. Der Rest kommt dem Nachrichtenleser zunehmend bekannt vor. Steve Bannon und sein ultrakonservativer Mäzen Robert Mercer erkennen das Potential, das in Wylies Vorschlägen steckt, und Bannon verabreicht ihm die härteste Droge, die die Welt einem Nerd zu bieten hat: ehrliches Interesse für seine Arbeit. Um den wichtigen Kunden aus den Vereinigten Staaten für sich zu gewinnen, erfindet Nix die Firma Cambridge Analytica, denn Bannon mochte die Atmosphäre der britischen Universitätsstadt.

          Geld und Einfluss

          Schlüsselmoment in Wylies Erzählung ist der Trick, mit dem sein Kollege Aleksandr Kogan es schafft, mit einer simplen Facebook-App Hunderttausende von Profilen aus dem sozialen Netzwerk abzuziehen, um mit diesen Informationen eine soziometrische Datenbank aufzubauen, mit deren Hilfe politische Manipulationstricks und Slogans getestet und an den Mann gebracht werden können. Schon 2014, also bevor der amerikanische Wahlkampf und die Brexit-Kampagne wirklich heiß werden, überwirft sich Wylie mit Alexander Nix und verlässt SCL. Wylie schreibt, er sei zunehmend von den Machenschaften seiner Ex-Kollegen entsetzt gewesen. Er habe versucht, das Management von Facebook über die Schwachstellen in deren System zu informieren, diese seien aber unterschätzt oder aus wirtschaftlichem Kalkül ignoriert worden.

          Ein bemerkenswertes wiederkehrendes Motiv in „Mindf*ck“ ist die Übertragung wohlerprobter kolonialer Herrschaftsmethoden auf die innenpolitischen Mechanismen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Die Machtkonzentration, die mit dem kapitalintensiven Einsatz immer besserer digitaler Werkzeuge einhergeht, hat Figuren wie Robert Mercer oder Mark Zuckerberg in Positionen gewissermaßen außerhalb ihrer eigenen Gesellschaften gebracht, von denen aus sie deren politische Landschaft mit Geld und Einfluss nach Belieben gestalten können – ganz wie Kolonialherren des neunzehnten Jahrhunderts.

          Die Schlüsselfiguren waren Scharlatane

          Die wichtigsten Herrschaftstechniken der nach innen gewandten Kolonialherren sind so alt wie erprobt: Microtargeting kann als die aktuelle Version von „Teile und herrsche“ betrachtet werden. Bannon, so Wylie, zeigte sich fasziniert von Eingeborenenstämmen des Internets, von wütenden Gamern, Verschwörungstheoretikern und misogynen „Incels“, die auf Plattformen wie 4chan das wahre Öl des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu fördern wussten: puren Hass. Laut Wylie gelang es Bannon und Konsorten, via Social Media eine zwanghaft-aggressive Atmosphäre zu erzeugen, in der die Zielpersonen das rationale Denken ausschalteten und gegen ihre eigenen Interessen und gegen die Sozialstrukturen ihres eigenen Landes vorzugehen bereit waren. Wer nach dieser Dauerbehandlung Trump wählte, hatte zwar keine Aussicht auf eine funktionierende Krankenversicherung mehr, aber er hatte es der liberalen Elite – zum Vorteil der nichtliberalen Elite – so richtig gezeigt.

          Wylie gibt sich als reuiger Sünder, lässt aber gleichzeitig durchblicken, dass es die von ihm mitentwickelten Werkzeuge zur Operationalisierung von Persönlichkeitsprofilen waren, die politischen Spielern wie Donald Trump oder Dominic Cummings zum Triumph verholfen haben. Das Englische hat für ein solches Manöver den schönen Begriff „Humblebrag“ parat. Facebook-Topmanager Andrew Bosworth konterte Anfang 2020 in einem Schreiben an die Belegschaft Wylies Vorwürfe. Die Schlüsselfiguren von Cambridge Analytica seien Scharlatane gewesen – und man habe das auch gewusst. Trumps Team habe auf Facebook schlicht die beste Wahlkampagne gefahren, und zwar mit genau jenen legalen Möglichkeiten, die das Netzwerk den Werbetreibenden bereitstelle. Das mag sein, lässt sich aber von außen kaum überprüfen.

          Digitale Kampagnen sind für die Parteiarbeit unerlässlich, aber ob Bannons Trollarmee für Trumps Wahlsieg letztlich wichtiger war als etwa die Auswirkungen jahrelanger Berieselung der Stammwähler der Republikaner durch Rupert Murdochs Fox News, darf bezweifelt werden. Es wäre interessant gewesen, den Wechselwirkungen zwischen diesen Ursachen und den Online-Aktivitäten der Trump-Kampagne nachzugehen. Wylies Erzählung ließe sich auch entgegenhalten, dass der wahre Schaden, den Facebook und andere digitale Plattformen in den demokratischen Gesellschaften anrichten, eher darin besteht, dass sie Zeitungen als bewährten Trägern des informierten Diskurses einen wesentlichen Teil ihrer wirtschaftlichen Grundlage entziehen. Ironischerweise stärkt Wylies Erzählung von der unheimlichen Wirksamkeit der Trollaktivitäten auf Facebook das Selbstbild des Konzerns als mächtigster Werbeplattform.

          Aufmerksame Zeitungsleser werden zwar einiges von den Vorgängen rund um Cambridge Analytica wissen, die Lektüre von Wylies Buch ist dennoch anregend.

          Christopher Wylie: „Mindf*ck“. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel u. a. Dumont Verlag, Köln 2020. 416 S., geb., 18,99 €.

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