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: In den Endlosschleifen des Leids

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Nicht einmal in dem New Yorker Buchladen zwei Straßen weiter, wo Joan Didions neuestes Buch gleich stapelweise im Schaufenster liegt, weiß der Verkäufer, daß die Autorin ganz in der Nähe wohnt: an der Upper East Side zwischen Central Park und Yves Saint Laurent, hinter einer Tür mit geschliffenem Glaseinsatz, die zwei Portiers in silbergrauer Uniform bewachen.

          Nicht einmal in dem New Yorker Buchladen zwei Straßen weiter, wo Joan Didions neuestes Buch gleich stapelweise im Schaufenster liegt, weiß der Verkäufer, daß die Autorin ganz in der Nähe wohnt: an der Upper East Side zwischen Central Park und Yves Saint Laurent, hinter einer Tür mit geschliffenem Glaseinsatz, die zwei Portiers in silbergrauer Uniform bewachen. Joan Didion kam nur ein einziges Mal in den Laden, zur Autogrammstunde. "Sie tauchte auf und verschwand", erinnert sich der Verkäufer. "Alles war auf die Minute genau geplant."

          Es ist nicht leicht, Joan Didion kennenzulernen. Die amerikanische Schriftstellerin ist so berühmt, daß ihre Agentur, wenn überhaupt, nur Interviewtermine von einer Dreiviertelstunde vergibt. Das ist zu kurz, um sich der Frau zu nähern, die Amerikas intellektuelles Leben mit ihren gesellschaftskritischen und politischen Essays seit vierzig Jahren entscheidend prägt. Didions Romane tragen dazu bei, daß die amerikanische Gegenwartsliteratur nicht flächendeckend einem konventionellen Erzählen verfällt. Dank ihrer aus Illusionslosigkeit gespeisten Lakonie und Schärfe, so schrieb ein amerikanischer Kritiker, könne Didion mit einem einzigen Satz eine ganze Gesellschaft zum Einstürzen bringen.

          An einem Sommersonntag bin ich mit ihr in ihrer Wohnung verabredet, im Hinterkopf leise Angst: Schließlich hat Didion selbst unzählige Male auf die gleiche Weise anderen gegenübergesessen und sie auf klügste Weise analysiert. Sie ist freundlich. Es ist heiß, und sie bietet mir ein Glas Wasser an. Schmal steht sie in der Tür. Sie trägt eine ärmellose weiße Bluse, die Haut ist dünn über den Gelenken. Die Wasserflasche in ihrer Hand wirkt unnatürlich groß.

          Schon in ihrem Essayband von 1969, in "Die Stunde der Bestie", schrieb sie: "Ich bin so klein, so unscheinbar und auf eine so neurotische Weise ungesprächig, daß die Leute anfangen zu vergessen, daß meine Anwesenheit ihren Interessen schaden könnte. Und sie schadet immer. Das ist eines der letzten Dinge, die man vergessen sollte: Schriftsteller nutzen immer jemanden aus."

          Mittlerweile ist Joan Didion einundsiebzig und hat kurz hintereinander ihren Mann und ihre einzige Tochter verloren. Damit beschäftigt sich ihr neues Buch "Das Jahr magischen Denkens" (Claassen Verlag, 18 Euro), das jetzt auch auf deutsch erscheint und vergangenes Jahr mit dem "National Book Award" ausgezeichnet wurde.

          Wir gehen hinüber ins Wohnzimmer. Wir setzen uns vor den Kamin, dorthin, wo ihr Mann, John Gregory Dunne, am 30. Dezember 2003 einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. An den Wänden hängen Fotos, die einen offenen Himmel zeigen. An einem der großen Fenster stehen Windlichter. Fast vierzig Jahre hatte Didion mit Dunne zusammengelebt, der ebenfalls Schriftsteller war. Im Gegensatz zu anderen berühmten Paaren waren die beiden keine Konkurrenten. Das Beispiel von Max Frisch und Ingeborg Bachmann, die beide das Klackern der Schreibmaschine ihres Partners nicht ertragen konnten, amüsiert sie. "Es war eher so, als hätten wir eine kleine gemeinsame Textfabrik. Wir hielten uns instinktiv von den Themen des anderen fern. Aber wenn der eine Erfolg hatte, war das auch für die andere gut und umgekehrt."

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