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: Immer diese Frauenzimmer

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Die Zimmer in Versailles waren eng, laut und völlig überteuert. Wer aber mit seiner Ehefrau einzog, bekam die halbe Miete erlassen. So lockte Ludwig XIV. Damen an seinen neuen Hof. Ohne sie, so wußte er, ohne die Aussicht auf rauschende Feste, interessierte Blicke, Galanterie und Leidenschaften, Fortüne und Karriere auch außerhalb der Politik, würden die Männer fortbleiben.

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          Die Zimmer in Versailles waren eng, laut und völlig überteuert. Wer aber mit seiner Ehefrau einzog, bekam die halbe Miete erlassen. So lockte Ludwig XIV. Damen an seinen neuen Hof. Ohne sie, so wußte er, ohne die Aussicht auf rauschende Feste, interessierte Blicke, Galanterie und Leidenschaften, Fortüne und Karriere auch außerhalb der Politik, würden die Männer fortbleiben. Der Sonnenkönig kalkulierte richtig. Gerade die Damen machten Versailles zu einem Laboratorium moderner Urbanität, den "Absolutismus" zu einem gesellschaftlichen Erfolg.

          Katrin Kellers spannendes Buch spielt fast fünfzig Jahre zuvor und in einer ganz anderen Welt: im Wien der Gegenreformation. Große Affären und mächtige Mätressen wird hier niemand erwarten. Die einzige Begierde, der Kaiser Ferdinand II. (1619 bis 1637) und sein Sohn, Ferdinand III. (1637 bis 1657), frönten, war die nach dem Ruhm, Schutzherren des Katholizismus in Europa zu werden. Doch auch dabei halfen Damen. Kaiserin Eleonora Gonzaga (1598 bis 1655), Ferdinands II. zweite Gattin, stiftete Klöster, die spanische Infantin Maria Anna (1606 bis 1646) organisierte Ferdinand III. den Hof, und seine letzte Gemahlin, die jüngere Eleonora Gonzaga (1630 bis 1686), gründete gar einen Büßerinnen-Orden. Doch die resoluten Kaiserinnen meint die Wiener Universitätsdozentin gar nicht, wenn sie nach den Chancen von Frauen am Kaiserhof fragt. Weit mehr interessiert sie deren weibliche Umgebung: jene als "Frauenzimmer" bezeichnete Gruppe adliger Damen, die der höchsten Fürstin des Reichs als Gesellschafterinnen, Gehilfinnen und Begleiterinnen dienten. Sie möchte wissen, wer diese "Hoffräulein" waren, welche Einflußmöglichkeiten sie besaßen und welche Karrieren sie erwarten durften.

          Eine solche Recherche verlangt außergewöhnliche Findigkeit. Denn die Quellen sind rar. Töchter werden in adligen Genealogien eher lakonisch behandelt. Weibliche Memoiren und Briefe, denen wir so viele Informationen über das Hofleben im zeitgenössischen Frankreich oder England verdanken, finden sich im deutschen Sprachraum selten. So mußte Katrin Keller ihre Daten mit detektivischem Spürsinn aus umfangreichen Korrespondenzen in adligen Privatarchiven, aus Zeremonialakten, Soldlisten und Dienstanweisungen destillieren. Was daraus entstand, darf als internationale Pioniertat gelten. Denn wir wissen inzwischen zwar viel über Frauen in der Frühen Neuzeit. Deren Damen aber kennen wir kaum.

          Mit achtzig bis hundert Personen (die Hälfte davon Männer) war der Hofstaat der Kaiserin kaum ein Zehntel so groß wie der ihres Mannes. Die vierzehn bis dreiundzwanzig "Hoffräulein" kamen mit etwa achtzehn Jahren in den Dienst der Kaiserin. Unter Aufsicht einer "Fräuleinmeisterin" erhielten sie hier gesellschaftlichen Schliff und eine ähnlich nonchalante Allgemeinbildung wie männliche Altersgenossen sie auf der Grand Tour erwarben. Meist schieden sie nach fünf bis sechs Jahren wieder aus, weil sie sich verheirateten oder den Schleier nahmen (was seltener vorkam, aber ebenso standesgemäß war). Mit Glück konnten einzelne in reiferem Alter erneut eintreten - wenn sie selbst den Rang einer Fräuleinmeisterin oder gar einer "Obersthofmeisterin" erhielten, also einer Protokollchefin über den gesamten Hofstaat der Kaiserin.

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