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: Immer auf die Schnauze

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Also doch. Es ging damals nicht nur um den Weltmeistertitel, sondern auch um die große Politik, für die er gekämpft hat. Graciano Rocchigiani, als er in der Dortmunder Westfalenhalle am 27. Mai 1995 zum ersten Mal Henry Maske in einem Ring gegenüberstand. "Es geht um den Kampf Ost gegen West. Der Wessi haut dem Ossi auf die Schnauze.

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          Also doch. Es ging damals nicht nur um den Weltmeistertitel, sondern auch um die große Politik, für die er gekämpft hat. Graciano Rocchigiani, als er in der Dortmunder Westfalenhalle am 27. Mai 1995 zum ersten Mal Henry Maske in einem Ring gegenüberstand. "Es geht um den Kampf Ost gegen West. Der Wessi haut dem Ossi auf die Schnauze. Der Ossi haut dem Wessi auf die Schnauze. Darum geht es." Mit seinen Worten klingt das ganz einfach. Letztlich verlor Rocchigiani das Duell und nennt die Entscheidung der Ringrichter auch zwölf Jahre später noch einen "Beschiss". Es ist dies die Sprache, in der der ehemalige Boxer Graciano Rocchigiani die Geschichte seines Lebens erzählt, und an vielen Stellen ist sie noch viel schlimmer. "Meine 15 Runden" hat er das genannt, was zuallererst zu einer Rechtfertigung seines eigenen Lebens und erst an zweiter Stelle zudem zu einer Abrechnung mit seinen Gegnern geworden ist. Denn Rocchigiani, der sich viele Jahre als ein schlagfertiger Mann präsentierte, ist vorsichtig und zurückhaltend geworden. Den Inhalt seiner Autobiographie ließ er vor der Veröffentlichung von Juristen prüfen. Er wollte offenbar mit dem, was er da gemeinsam mit zwei Journalisten verfasste, keinen Ärger provozieren.

          Das ist durchaus ungewöhnlich für den gelernten Gebäudereiniger, der in einem Hinterhaus im damals geteilten Berlin aufgewachsen ist und der schon im Vorwort seines Buchs, das nicht Vorwort, sondern "Walk-In" heißt, schreibt: "Meine freche Berliner Schnauze hätte ich besser manchmal halten sollen. Es wäre mir viel Ärger erspart geblieben." Rocchigiani verrät in seinem Buch nichts Neues über sein Leben, über das man wusste, dass er sich den größten Teil seiner heute 43 Jahre an irgendeinem Abgrund herumgetrieben hat. Wer will, kann nun noch einmal nachlesen, wo und wann Rocchigiani sich mit welcher Frau vergnügt hat, welche Drogen er sich selbst verabreichte und dass er vor allem den weltweit größten Boxverband WBO für unprofessioneller als die Organisation des Rummelboxens hält und dass er wegen Körperverletzung, Trunkenheit am Steuer und Beamtenbeleidigung insgesamt knapp zwei Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht hat. "Ich fühle mich wie ein kleiner Schuljunge, der böse war und Stubenarrest bekommen hat."

          Vielleicht ist das ein wenig verharmlosend. Aber die Auflistung zeigt, dass das Sportliche im Leben Rocchigianis nicht immer zwingend an erster Stelle gestanden haben kann. Dabei geht er auch als jener Mann in die Geschichte ein, der am 14. März 1988 im Alter von 24 Jahren jüngster deutscher Weltmeister im Profiboxen wurde. Und wie hat Rocchigiani selbst diesen Tag erlebt? "Ja, Weltmeister! Der Beste im Supermittelgewicht. So fühlt es sich also an. Herrlich. Besser als Sex. Ein Orgasmus im Kopf."

          Umgerechnet etwa acht Millionen Euro will Rocchigiani im Laufe seiner Karriere verdient haben. Ein Gericht in New York spricht ihm im Prozess gegen den Boxverband World Boxing Council (WBC) im September 2002 zudem knapp 31 Millionen Dollar zu, weil der Verband ihm den Weltmeister im Halbschwergewicht des WBC zu Unrecht aberkannt hatte. "Wo ist eigentlich die ganze Kohle geblieben?" Diese Frage stellt er sich selbst immer wieder und entdeckt Parallelen zum Fußballprofi George Best, der sagte: "Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge für Frauen, Alkohol und Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst."

          MICHAEL WITTERSHAGEN

          Graciano Rocchigiani: Rocky - Meine 15 Runden. Die Autobiographie. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 368 Seiten, 19,90 Euro.

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