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Im Zweifel gegen die Angeklagten : Die Geschichte mit der Tosa-Klause

Die Staatsanwaltschaft vertrat die Theorie, Pascal sei in der Nähe des Kirmesplatzes in die Kneipe gelockt worden. Bild: AFP

Gisela Friedrichsen erhebt im Fall Pascal Anklage gegen Polizei und Staatsanwaltschaft. Hat eine verschworene Gemeinschaft von Säufern und Schwachsinnigen das perfekte Verbrechen begangen?

          Heiko Maas möchte Ministerpräsident des Saarlandes werden. Er hat das erste und das zweite juristische Staatsexamen bestanden. Am 7. September 2007 ließ er folgende schriftliche Erklärung verbreiten: „Ich finde die Freisprüche im Pascal-Prozess zum Kotzen. Es ist unfassbar, dass es in einem der aufwendigsten Prozesse der deutschen Justizgeschichte nicht gelungen ist, den Tatvorwurf des Mordes und des Missbrauchs an einem kleinen Kind zu beweisen. Heute haben viele den Glauben an den Rechtsstaat verloren.“ Pascal, ein Junge aus Saarbrücken-Burbach, war fünf Jahre alt, als er am 30. September 2001, einem Kirmessonntag, nicht vom Spielen nach Hause kam. Weder lebend noch tot ist er aufgefunden worden. Drei Jahre nach seinem Verschwinden wurde am Landgericht Saarbrücken eine Hauptverhandlung eröffnet, in deren Verlauf an 147 Verhandlungstagen 294 Zeugen vernommen wurden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Staatsanwaltschaft vertrat die Theorie, Pascal sei in die Tosa-Klause gelockt worden, eine Kneipe in der Nähe des Kirmesplatzes, deren Wirtin gewerbsmäßig kleine Jungen für ihre Stammgäste herangeschafft habe. Nach mehrfacher Vergewaltigung sei der Fünfjährige mit einem Kissen erstickt worden; die Leiche hätten die Täter hinter der französischen Grenze vergraben. Drei Jahre nach Prozessbeginn wurden alle zwölf Angeklagten freigesprochen. Heiko Maas hatte seine Worte mit Bedacht gewählt und nahm sie nicht zurück. Mit dem Kraftausdruck gab er zu verstehen, dass Enthemmung die anständige Reaktion auf ein solches Urteil sei. Dessen Unfassbarkeit begründete er ausdrücklich mit einem Missverhältnis zwischen dem von den Justizbehörden getriebenen Aufwand und dem Resultat des Freispruchs.

          Die Therapie glich einem inquisitorischen Prozess

          Er bewertete es nicht etwa als Skandal, dass dem Gericht die Aufklärung des Sachverhalts trotz allen Anstrengungen nicht gelungen war. Vielmehr artikulierte er die Erwartung, dass wegen der hohen Investitionen an Zeit, Geld und Prestige der Schuldnachweis hätte gelingen müssen. Gisela Friedrichsen, die Gerichtsreporterin des „Spiegel“, macht in ihrem Buch zum Pascal-Prozess plausibel, dass diese Logik des Erfolgsdrucks die Saarbrücker Ermittlungen von Anfang an kontaminierte. Sie erzählt die Geschichte einer Autosuggestion, die von außen in den Ermittlungsapparat getragen wurde und die Polizisten und Staatsanwälte so zufällig wie scheinbar zwangsläufig ansteckte. Das Kind war und blieb verschwunden, aber man hatte Beschuldigte und ließ sie nicht los. Es handelte sich um Personen, die den Wünschen der Ermittler in jeder Hinsicht entgegenkamen: Alles, was sie sagten, konnte gegen sie verwendet werden.

          Die Pflegemutter des Sohnes einer Angeklagten, an dem sich die Kinderschänder unzählige Male vergangen haben sollen, berichtete dem Gericht, sie habe für den Jungen eine Tonfigur gebastelt, die den Vorsitzenden darstelle. Sie stehe auf der Fensterbank, und der Junge stehe davor und frage den Richter, ob er den Fall auf die Reihe bekomme. Denn er habe Angst, dass es Freisprüche gebe könne. Die Pflegemutter berichtete auch darüber, wie sie dem Kind die Angst zu nehmen versuchte. Sie erzählte ihm von einem Hund, der Tante Christa in den Arm beißen werde. Tante Christa war die Hauptangeklagte, die Wirtin der Tosa-Klause und gerichtlich bestellte Betreuerin der als geistig behindert eingestuften leiblichen Mutter des Jungen.

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