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Feminismus heute : Und was hattest du an?

Eine junge Frau am internationalen Frauentag in Madrid Bild: AFP

Das ewige zweite Geschlecht: Priya Basil kämpft „Im Wir und Jetzt“ beharrlich für die Rechte der Frauen. Ihr Buch zeigt, wie nötig das noch immer ist.

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          Im Gefolge der MeToo-Debatte wurden immer wieder Beschwerden laut, die Klagen der Frauen seien zu pauschal, sie täten Männern unrecht, stellten diese unter Generalverdacht, wo sie den Frauen gegenüber doch bloß hätten charmant sein wollen. Wo bleibe da die sexuelle Toleranz?

          Hannah Bethke
          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Priya Basil kennt diese Entgegnungen zur Genüge. Die britisch-indische Autorin, die 1977 in London geboren wurde und in Nairobi aufwuchs, denkt in ihrem Buch „Im Wir und Jetzt“ in immer neuen Anläufen darüber nach, was es bedeutet, Feministin zu werden. Natürlich gebe es Männer, „die ihr historisches Privileg erkennen und beschließen, dass es an der Zeit ist zu teilen“. Das ändere aber nur wenig an der strukturellen Ungleichheit, mit der Frauen nach wie vor zu kämpfen hätten.

          Männer träten selbstbewusster auf, nähmen sich oftmals mehr Redezeit, bekundeten anders als Frauen öffentlich keine Selbstzweifel, würden besser bezahlt, hinterfragten ihr Selbstverständnis nicht. Susan Sontag, auf die sich Basil bezieht, bringt es auf den Punkt: „Niemand betrachtete Männer je als das zweite Geschlecht.“

          Doch es geht nicht nur um Strukturen, es geht auch um die Lebenswelt der Geschlechter. Basil benennt diverse Formen sexueller Belästigung, Gewalt und Unterdrückung gegen Frauen. Sie selbst kommt aus einem Kulturkreis, in dem die Misshandlung von Frauen zur verschwiegenen Normalität gehörte. Bis heute und auch hierzulande müssten Frauen, die von ihrer Misshandlung sprechen, mit Reaktionen wie diesen rechnen: „Was hattest du an?“ Oder: „Warum hast du dich nicht gewehrt oder bist einfach gegangen?“

          Tief verwurzelte Abwertung von Frauen

          Es sind immer dieselben Kämpfe gegen fehlendes Verständnis und mangelnde Einsicht, die Basil als eine von unzähligen Frauen beharrlich zur Sprache bringt. Nicht ohne Grund: Männer wissen nicht, wie es sich anfühlt, auf offener Straße als potentielles Sexobjekt gesehen und behandelt zu werden, nur weil man eine Frau ist. Nicht jeder Mann verhält sich sexistisch; aber jede Frau ist aufgrund ihres Geschlechts und ihrer physischen Unterlegenheit gefährdet, Opfer sexueller Belästigung zu werden. Das meint Priya Basil, wenn sie die tief verwurzelte Abwertung von Frauen anprangert.

          Der Kampf für die Rechte der Frauen ist noch nicht zu Ende – wie hier während eines Protestmarsches der „MeToo“-Bewegung in Los Angeles.
          Der Kampf für die Rechte der Frauen ist noch nicht zu Ende – wie hier während eines Protestmarsches der „MeToo“-Bewegung in Los Angeles. : Bild: dpa

          Basil schreibt assoziativ, sie springt nicht nur zwischen den vielen Themen des Feminismus, ihr Text changiert auch zwischen theoretischen Erörterungen, politischen Positionen und biographischen Erzählungen aus ihrer Familie. Im ersten Teil des Buches, das mit „Fight“ überschrieben ist, geht diese ungewöhnliche Mischung vor allem deshalb auf, weil ihre Argumente geschlechtsspezifischer Ungleichheit essenziell sind – und leider bleiben. Ermüdend ist dabei nur die Kapitalismus-Kritik, ohne die heute kaum ein feministisches Buch auskommt. Immerhin sieht sie den Widerspruch der eigenen Verstrickung: „Die Krux des Kapitalismus: Man kann ihm misstrauen und trotzdem empfänglich für ihn sein.“

          Diese Paradoxie arbeitet sie im zweiten Teil des Buches, „Subjekte der Begierde“, an einem konkreten Projekt auf. Mit neununddreißig Frauen übernahm sie die Gestaltung eines Modemagazins, das die gängigen Klischees unterwandern sollte: Abgelichtet wurden nicht standardisierte Models, sondern diese völlig unterschiedlichen Frauen.

          Bild: Suhrkamp Verlag

          Basils Beobachtungen sind wichtig und richtig: wie Frauen durch Modetrends unterdrückt und dominiert werden; wie viel stärker ihr Äußeres unter einem Bewertungsdruck steht, als das bei Männern der Fall ist; zu welch enormem Selbsthass die unnatürlichen Körperideale von Frauen führen. Der vielleicht wichtigste Aspekt dieses Kapitels ist die Kritik an der „sexuellen Objektifizierung“. Darum nämlich gehe es, wenn Feministinnen die „Abschaffung der Erotik“ forderten; nicht, wie ihnen oft unterstellt werde, um „die Vernichtung der sexuellen Lust und Erregung“, sondern um „deren Ausweitung auf alle Lebensbereiche“.

          So erhellend Brasils Klarstellungen im Einzelnen sind, so wenig überzeugt ihr Text im zweiten Teil des Buches. Denn was am Anfang noch funktioniert, ihr impulsgeleitetes Schreiben, gerät hier zu zerfaserten Absätzen, unverständlichen Adressierungen, ungeordneten Notizen, misslungener Poesie. Ihren Anspruch, die Welt durch das Schreiben „neu zu sehen“, löst Basil zwar ein; durchgehend lesenswert ist aber nur der erste Teil ihres Buches.

          Priya Basil: „Im Wir und Jetzt“. Feministin werden. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 175 S., br., 14,– €.

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