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Unterirdische Entdeckungsreise : Schädliches entsorgen, Kostbares schützen, Wertvolles hervorbringen

  • -Aktualisiert am

Ein verbotener Ort, der Besucher anzieht: Wanderer im Untergrund von Paris Bild: de Russe/Le Figaro Magazine/laif

Dreck und Klaustrophobie: In seinem Buch „Im Unterland“ erkundet Robert Macfarlane unterirdische Welten und macht sich Gedanken darüber, wie es mit der Menschheit ausgehen wird.

          Die globale Erwärmung schärft den Blick auf die Zeit. Zum einen erscheint die Zukunft heute nicht mehr als vielversprechender Horizont, zum anderen holt uns die Vergangenheit immer häufiger ein. So haben die schmelzenden Eismassen Grönlands im Sommer 2016 einen versunkenen, mit Giftmüll vollgestopften Militärstützpunkt der Vereinigten Staaten aus dem Kalten Krieg wieder freigegeben. Zur selben Zeit tauten auf der Jamal-Halbinsel 11.600 Quadratkilometer Permafrost und förderten Kadaver von Rentieren zutage, welche vor siebzig Jahren an Milzbrand verendet waren. Die Sporen des Bakteriums „Bacillus anthracis“ hatten im gefrorenen Boden überlebt, bevor sie sich mit dem Wind verbreiteten und mehrere Menschen infizierten. Ein Junge starb. Epidemiologen betrachten arktische Friedhöfe als Reservoir zahlreicher, zum Teil noch unbekannter Keime. In der Tiefe, so ihr Appell, lauern Gefahren, auf die wir uns vorbereiten sollten.

          Robert Macfarlane, einer der prominentesten zeitgenössischen Vertreter des „Nature Writings“ und Literaturdozent an der Universität von Cambridge, berichtet in seinem neuen Buch immer wieder von Dingen, die in verborgenen Schichten schlummern, um schließlich mit aller Macht aufzutauchen. Dabei widmet er sich unterirdischen Welten in Großbritannien und Frankreich, Italien und Slowenien, Skandinavien und Grönland. Höhlen und Grotten seien stets dazu genutzt worden, um Schädliches zu entsorgen, Kostbares zu schützen und Wertvolles hervorzubringen. Man assoziiere sie mit Dreck und einer der schlimmsten Ängste überhaupt: Klaustrophobie. Allein die Schilderung von Menschen, die unter der Erde eingeschlossen sind, kann Beklemmung auslösen – was Macfarlane dramaturgisch einzusetzen weiß. Zum Beispiel zitiert er jenen Passus aus Alan Garners Roman „Der Zauberstein von Brisingamen“, in dem zwei Kinder in einen engen Stollen krabbeln und wie lebendig begraben wirken.

          Schwalben im Tiefflug

          Kaum besser ergeht es ihm selbst, wenn er in einem mehrtägigen Gewaltmarsch die weitläufigen, eigentlich gesperrten Teile der Pariser Katakomben erkundet. Schon Walter Benjamin war beeindruckt von dieser Stadt unter der Stadt, von ihrem „blitzdurchzuckten, pfiffdurchgellten Dunkel“. Manche Abschnitte erweisen sich als bequem passierbar, andere verlangen den „kataphilen“ Besuchern einiges ab: „Ich gehe mit vorgeneigtem Hals, dann mit gekrümmten Schultern, dann muss ich in der Hüfte einknicken und zuletzt auf die Knie runtergehen und kann nur noch kriechen.“

          Robert Macfarlane: „Im Unterland“

          „Im Unterland“, so der Titel der Monographie, lässt sich keinem bestimmten Genre zuordnen. Der Autor ist selbstbewusst genug, eine Vielzahl von Darstellungsformen miteinander zu kombinieren: Reportage, Abenteuerbericht, Essay und Naturbetrachtung. Neben erklärenden Passagen und Analysen finden sich solche Sätze: „Durchs Flussbett, durch Ginster und Farnkraut, aus dem die Wacholderdrosseln schnarrend-knarrend nach Westen lodern. Schwalben im Tiefflug über den Auen, die luftige Wärme des Nordostwinds.“ Lyrische Versenkungen ist man von Macfarlane gewohnt, der sich hier abermals als Sprachakrobat entpuppt und auch die mit dem Unterland verbundene Metaphorik kommentiert: „Etwas ,Erhebendes‘ ist angenehmer, als ,niedergeschlagen‘ oder ,am Boden‘ zu sein.“ Auf der anderen Seite verweise das englische Verb für „verstehen“ – „to understand“ – noch auf die alte Bedeutung: „unter etwas gehen, um es in seiner Gänze zu erfassen“.

          Eine Gemeinsamkeit aller Unterwelten ist Macfarlane zufolge jene Einheit, mit der man ihre Dauer berechnet – die geologische Zeit. Sie stecke in Steinen, Stalaktiten und Ablagerungen auf dem Meeresgrund. Die erste bekannte Höhlenmalerei in Europa soll rund 65.000 Jahre alt sein; Forscher analysieren Eiskerne, die seit 130.000 Jahren gefroren sind; wir lernen einen Physiker kennen, der nach Dunkler Materie sucht – in einer unterirdischen Kammer aus Steinsalz, das zurückgeblieben ist, nachdem ein Binnenmeer vor 250 Millionen Jahren verdunstete.

          Der Autor versucht nicht, die Ausschnitthaftigkeit seines Themas mit Argumentationsketten und intellektuellen Volten zu verschleiern. Lieber spannt er ein erzählerisches Netz von der Vergangenheit in die Zukunft, um uns mit sanfter Härte zu sagen, wie es mit der Menschheit ausgehen wird: „Was von uns überlebt, sind Plastik, Schweineknochen und Blei-207, das stabile Bleiisotop am Ende der Zerfallsreihe des radioaktiven Uran-235.“

          Macfarlane hat schon Gipfel erklommen („Berge im Kopf“, 2003), unverfälschte Winkel Großbritanniens ausgekundschaftet („Karte der Wildnis“, 2007) und historische Routen inspiziert („Alte Wege“, 2012). Mit seinen Überlegungen zum Unterland kommt er dem Menschen näher als je zuvor. Deswegen sinniert er lange über den geläufigen Vorschlag, die Epoche, in der wir leben, Anthropozän zu nennen. Das berührt den Kern des Buchs, führt doch jede Reise in die Tiefe bei Macfarlane zur gleichen Frage: Sind wir unseren Nachfahren verantwortungsbewusste Vorfahren?

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